Schiffbrüche im Mittelmeer als trauriger Alltag

Vor genau einem Jahr, am 22. April 2021, bezeugte die Crew unseres ehemaligen Rettungsschiffes Ocean Viking* einen Schiffbruch mit bis zu 130 Toten vor Libyen. Bis heute haben die fehlende staatliche Koordination und zu wenig Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer tödliche Schiffbrüche wie diesen zur Folge. Mit einer funktionierenden staatlichen Koordinierung und politischem Willen wäre das Ertrinken von vielen flüchtenden Menschen im Mittelmeer vermeidbar.

*SOS Humanity, ehemals SOS Mediterranee Deutschland, betrieb das Rettungsschiff Ocean Viking bis Ende 2021 als Teil des europäischen Verbunds SOS Mediterranee.

Das Schiffsunglück vom 22. April 2021 hätte durch einen stetigen Informationsfluss und eine effiziente Koordinierung der verantwortlichen staatlichen Stellen vermutlich verhindert werden können. Während ihrer Suche nach dem Boot in Seenot informierten die zuständigen staatlichen Behörden (Seenotrettungsleitstellen) sowie involvierte europäische Akteure (Frontex) die Ocean Viking entweder gar nicht oder gaben Informationen erst zeitverzögert weiter. Mehrere offizielle Anfragen der Crew zur Koordination der Suche wurden abgelehnt.

Das staatliche Versagen im zentralen Mittelmeer hat tödliche Folgen

Geändert hat sich seitdem nichts. Bis heute haben die fehlende staatliche Koordination und zu wenig Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer Tragödien wie den Schiffbruch vom 22. April 2021 zur Folge. Anfang April dieses Jahres starben 96 Menschen bei einem Schiffbruch vor Libyen. Zwei Wochen später sank ein Boot mit 35 Menschen an Bord. Keine*r überlebte.

Insgesamt ertranken laut IOM seit 2014 mindestens 19.341 Menschen im zentralen Mittelmeer oder gelten als vermisst (Stand: 16.04.2021). Die Dunkelziffer liegt weit höher. Diese Toten lasten schwer auf dem kollektiven Gewissen Europas. Ohne eine effektive staatliche Koordination und ein europäisches Seenotrettungsprogramm wird das zentrale Mittelmeer ein Massengrab bleiben.

Damit das Sterben im zentralen Mittelmeer endlich endet, braucht es dringend ein effektives, durch die EU-Mitgliedstaaten finanziertes und koordiniertes Seenotrettungsprogramm, bei dem ausreichend Schiffe zum Zweck der Seenotrettung eingesetzt werden.

Chronologie der Ereignisse 20. bis 22. April 2021

Während ihrer Suche nach einem am 20. April gemeldeten Seenotfalls erreichen die Ocean Viking am Morgen des 21. April zwei weitere Notrufe durch die zivile Notruf-Hotline Alarm Phone. Die beiden Schlauchboote liegen weit östlich der Position der Ocean Viking. An Bord befinden sich schätzungsweise je 100 bis 130 Personen. 

Um 13:40 Uhr hört die Crew über Funk-Kommunikation mit, wie ein nicht-identifiziertes Flugzeug einem Patrouillenboot der libyschen Küstenwache Koordinaten durchgibt, die höchstwahrscheinlich der Position eines der beiden östlichen Seenotfälle entsprechen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bestätigt außerdem später am Tag eine illegale Rückführung von Flüchtenden nach Libyen durch die libysche Küstenwache.

Um 17:50 Uhr beendet die Ocean Viking die Suche nach dem ersten Boot und nimmt Kurs auf die östlich gemeldeten Seenotfälle. Die Behörden werden über den Kurswechsel informiert. Auf der zehnstündigen Fahrt verschlechtert sich die Wetterlage erheblich, sodass die Wellen in der Nacht bis zu sechs Meter Höhe erreichen.

Um 19:50 setzt ein Frontex-Flugzeug einen Notruf „MAYDAY MAYDAY, boat in distress in position 33 26 N 013 56 E.“ auf dem Seenotfunkkanal ab. Der MAYDAY-Ruf ist der erste Notruf an alle Schiffe, die sich in dem umliegenden Gebiet befinden. Daraufhin steuern die drei Handelsschiffe M/V MY ROSE, M/V ALK und M/T VS LISBETH den Einsatzort an. Um 20:25 wird ein zweiter MAYDAY-Ruf von unbekannter Stelle abgesetzt.

Am Morgen des 22. April erreicht die Ocean Viking die letzte, durch den zweiten MAYDAY-Ruf bekannte Position des Seenotfalls und führt mit den drei Handelsschiffen ein Suchmuster durch. Um 7:35 bittet die Ocean Viking die italienische Seenotrettungsleitstelle und um 8:55 die Europäische Grenzschutzagentur Frontex um Luftunterstützung. Die Seenotrettungsleitstelle in Rom antwortet daraufhin, dass es die Informationen nicht weiterleiten könne und die Position des Seenotfalls außerhalb ihrer Zuständigkeit liege.

Das Handelsschiff M/V MY Rose sichtet um 12:24 Uhr schließlich drei Leichen im Wasser und informiert das Frontex-Flugzeug Osprey 3 über den Seenotfunkkanal. Um 12:30 erfragt die Ocean Viking die Osprey 3 Informationen zu dem Fall und wer den Fall koordiniert. Die Osprey 3 antwortet, dass sie nur eine Suche durchführen, aber den Fall nicht koordinieren.

Um 12:34 gibt die Osprey 3 über den Seenotfunkkanal die Koordinaten des Wracks durch.

Die Handelsschiffe M/V AIK und M/T VS LISBETH verlassen das Gebiet und M/V AIK gibt über den Seenotfunkkanal an, dass das Patrouillenschiff der libyschen Küstenwache UBARI den Fall koordiniere. Die UBARI ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht vor Ort.

Um 14 Uhr sichtet die Ocean Viking das Wrack und mehrere Leichen im Wasser. Es gibt keine Überlebenden.