Blog von Bord 02

Stapeln von Kisten

Quarantäne, Vorräte auffüllen, Trainings. Wie ein Rettungseinsatz noch im Hafen liegend vorbereitet wird, erklärt Sprecherin Petra von Bord der Humanity 1.

Freitag, 14. Oktober 2022, Italien, Hafen von Palermo, Mole Nord

Kurz vor unserer Abfahrt werden zahlreiche Paletten mit Lebensmitteln für den Rettungseinsatz auf den Pier am Schiff geliefert. Riesige Mengen Reis und Couscous, aber auch Tee, Zucker und Gewürze, ebenso frisches Obst und Gemüse, müssen in den Lager- und Kühlräumen verstaut werden. Es sind vor allem Nahrungsmittel für die Menschen, die wir hoffentlich aus Seenot retten können.

Seit elf Tagen bin ich nun an Bord der Humanity 1 im Hafen von Palermo. Die Quarantäne hat funktioniert: Alle Schnelltests, durchgeführt von unserer ehrenamtlichen Ärztin Silvia, sind negativ.

Die positive Spannung in der Crew steigt langsam an, denn wir werden bald auslaufen. Deshalb ist das Trainingsprogramm seit ein paar Tagen besonders auf das Einüben der Rettung und die Erstversorgung an Bord fokussiert. Ich freue mich als Mitarbeiterin der Geschäftsstelle in Berlin nun selbst Teil der Crew auf dem Schnellboot (RHIB) „Bravo“ zu sein. Zum Trainieren fahren wir aufs offene Meer, gemeinsam mit „Tango“, dem zweiten RHIB. Abwechselnd üben wir das Heranfahren an ein Boot in Seenot und die erste Ansprache an die Menschen, die, wenn wir sie in Seenot finden, oft schon Tage in den seeuntüchtigen Booten auf hoher See verbracht haben. Das Wichtigste dabei ist, dass sie Ruhe bewahren. Das müssen wir unbedingt erreichen bei diesem Erstkontakt. Denn wenn sie glauben, wir wären die libysche Küstenwache, die sie gewaltsam nach Libyen zurückbringt, kann schnell Panik ausbrechen. Das Umsteigen von einem auf das andere Boot erfordert schon bei schwachem Wellengang ein wenig Mut. Ich mache mir Sorgen, wie wir sehr geschwächte Menschen oder Hochschwangere von dem Boot in Seenot ins RHIB bekommen. Aber die anderen beruhigen mich. „Notfalls ziehen wir sie zu zweit einfach rüber“, meint Dragos, unser erfahrener SARCo, als Search and Rescue Coordinator Leiter der Rettungseinsätze. Unter anderen Umständen wäre das Fahren mit den Schnellbooten ein großer Spaß, aber das Team ist sehr ernst und konzentriert.

Rettungsboot mit der Crew
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Plan der Räumlichkeiten an Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
verschiedene Wasserflaschen in einem Zimmer angereiht
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
verschiedene Nützlichkeiten als Rescue Kit
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Ein weiterer Schwerpunkt der Trainings ist der Ablauf der „Embarkation“, also des An-Bord-Nehmens und der Erstversorgung der Geretteten. Sie müssen von den Schnellbooten über eine Einstiegsleiter auf das Mutterschiff Humanity 1 gelangen, wobei sie von Crewmitgliedern von unten unterstützt und von oben mit Kraft an Bord gezogen werden. Dann werden die Rettungswesten abgenommen und zur Desinfektion in ein Chlorbad getaucht. Anschließend setzten sich die Geretteten an Deck in Reihen hin, bis unser Team sie einzeln mit Alter und Herkunft registriert. Namen nehmen wir nicht auf, dafür erhalten die Menschen ein nummeriertes Armband und, wenn nötig, dazu ein auf Besonderheiten wie unbegleitete*r Minderjährige*r oder medizinischer Fall hinweisendes farbiges Bändchen. Danach können sie zur nächsten Station gehen. Hier wird ein Rescue Kit ausgegeben mit Kleidung, Wasser, Zahnbürste und Notfallnahrung sowie eine Decke.

Aus unserer Erfahrung wollen die meisten erst einmal schlafen. Denn auf dem Rettungsschiff fühlen sich die Menschen oft zum ersten Mal nach Wochen, Monaten, manchmal Jahren wieder etwas sicherer. Meine Aufgabe wird darin bestehen, die Frauen sowie Kinder bis zum Alter von 13 Jahren in Empfang zu nehmen und in unser „Women Shelter“ zu begleiten. Auf diesen Raum bin ich ein wenig stolz. Aus jahrelanger Erfahrung wissen wir, dass die meisten Frauen auf ihrer Flucht sexualisierte Gewalt erlebt haben. Bis sie aus Libyen abgelegt haben, wurden sie in den dortigen Internierungslagern oder im Menschenhandel in der Regel immer wieder missbraucht. Für diese Frauen ist es viel wert, in einem sicheren Raum unterzukommen, den kein Mann betreten darf. Darin sind breite Doppelstockbetten aus Holz eingebaut mit bequemen, abwaschbaren Matratzen. Es gibt ein Waschbecken und eine Dusche. Rund 20 Frauen und Kinder können wir dort unterbringen.

Die anderen Geretteten, auch männliche Jugendliche ab 14 Jahren, schlafen an Deck auf dem Boden. Diese Bereiche sind mit festen Planen überdacht, sodass es trocken bleibt.

Wenn wir demnächst vielleicht Hunderte Gerettete an Bord haben werden, dann ist nicht nur das Care-Team für sie zuständig, sondern wir alle: Wir müssen abwechselnd präsent sein an Deck. Wir schauen, ob es einzelnen nicht gut geht, es vielleicht Menschen mit Traumata oder großen Ängsten gibt, denen unser Beauftragter für mentale Gesundheit Luca helfen kann.

Besprechung der Crew
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Aus dem Training und den Präsentationen von Schutz-Koordinator David habe ich gelernt, dass wir unser Verhalten an Deck anpassen müssen. „Das Wichtigste ist, dass wir den Geretteten zu ihren grundlegenden Rechten verhelfen“, betont David. „Sie müssen endlich wie Menschen behandelt werden.“

Ich habe gelernt, dass wir keine Handys an Deck benutzen und zu unserem Schutz durchgehend eine FFP2-Maske tragen. Ich habe mir die Regeln eingeprägt: Seid fair, verhaltet euch vorhersehbar und bleibt konsequent. Behandelt die Menschen immer mit Respekt, auch wenn ihr das Verhalten mal nicht nachvollziehen könnt. Sprecht nicht im Stehen zu ihnen herab, wenn sie sitzen, sondern begebt euch auf Augenhöhe. Bleibt in eurer Kommunikation immer ruhig und werdet nicht laut oder aggressiv im Ton. Seid auch in Konfliktsituationen immer rational und macht euch mögliche eigene Vorurteile bewusst.

Ich begreife: Wenn viele Menschen verschiedenster Kulturen, die eine lebensbedrohliche Situation hinter sich haben und Ungewissheit vor sich, und sich auf engstem Raum befinden, haben wir an Bord eine große Verantwortung dafür, dass wir alle zurechtkommen. Wir müssen schnell Vertrauen aufbauen, damit wir gemeinsam auf dem Schiff eine notfalls längere Wartezeit auf einen sicheren Hafen friedlich durchstehen.

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