Blog von Bord 01

Pressereferentin an Bord

Petra, Pressesprecherin von SOS Humanity, ist an Bord und berichtet erstmals direkt von der Humanity 1.

Montag, 10. Oktober 2022, Italien, Hafen von Palermo, Mole Nord

Dort liegt die Humanity 1 seit über einer Woche unter dem meist strahlend blauen Himmel von Sizilien. Ich bin als Pressesprecherin von SOS Humanity nun selbst an Bord, kann auf dem Schiff mit anpacken und Teil der wunderbaren Crew des zweiten Einsatzes sein.

Nach einer Woche der Selbstisolation in Deutschland treffe ich am Sonntag, dem 2. Oktober am Flughafen im Palermo ein. Kein Crewmitglied sollte eine Coronavirus-Infektion mit an Bord bringen, daher habe ich mich vor Abflug getestet und trage überall eine Maske, so im Flugzeug und im Zug Pünktlich zum Mittagessen treffe ich ein, einige Crewmitglieder sitzen an Deck an der Gangway. Herzlicher Empfang, es gibt ein leckeres Chili sin Carne – auf der Humanity 1 wird ausschließlich vegan gekocht. Unsere beiden „Cookies“ Inga und Tine zaubern, wie ich bald erfreut feststelle, täglich zwei vielseitige, äußerst schmackhafte warme Mahlzeiten. Beim Kochen und Abwaschen unterstützen Freiwillige aus der Crew. Sobald wir Gerettete an Bord haben, werden wir die gleichen warmen Mahlzeiten essen, wie sie.

Langsam lerne ich die Crew besser kennen, mit mir 29 sehr unterschiedliche Menschen aus zehn verschiedenen Ländern. Die Arbeitssprache an Bord ist Englisch. Rund ein Drittel der Besatzung sind Frauen, mehr als ein Drittel sind Ehrenamtliche. So zum Beispiel die italienische Ärztin Silvia und unser Cultural Mediator Fares, der ursprünglich aus Syrien kommt. Das Such- und Rettungsteam wird vom „SARCo“ (Search and Rescue Coordinator) Dragos aus Rumänien geleitet, der Spanier Oriol fährt eines der Schnellboote und Carolina aus Mexiko ist eine der drei Matros*innen. Ich bin begeistert, auf wie viel Enthusiasmus, Tatkraft und Kompetenz ich treffe. Dieses Gefühl begleitet mich diese gesamte erste Woche: Ich fühle mich auch ganz persönlich – als Landratte – sicher auf dem Schiff und in sehr guten, professionellen Händen. Denn das Head-of-Mission-Team aus Kapitän und Erstem Offizier sowie den drei Koordinator*innen für den Such- und Rettungseinsatz, die Versorgung der Geretteten und die Kommunikation arbeiten Hand-in-Hand. Sie haben viel Erfahrung und wissen, was wann zu tun ist. Das besonders Wertvolle für mich dabei: Sie erklären uns fast alles, jede*r sollte so viel wie möglich von allen Abläufen verstehen, um richtig handeln zu können.

Ein typischer Tagesablauf während des „Port Calls“, also des Hafenaufenthalts zwischen zwei Rettungsrotationen, sieht für mich und andere Crewmitglieder so aus: Um 7:15 Uhr aufstehen, duschen, ein kleines Frühstück – eilig selbst zubereitet in der „Pantry“, der Tee- und Kaffeeküche der Crew. 8:00 Uhr Kick-off-Meeting für alle in der „Messe“, dem Essens- und Aufenthaltsraum. Nun wird der Tagesablauf besprochen, der auch an einer Infotafel aushängt. Bis 9:00 Uhr werden die Innenräume des Schiffes geputzt. Alle packen mit an, auch hierbei spüre ich den Tatendrang, bis alles sauber ist, die Flure, Pantry und Messe, die Toiletten und Duschen. Die Maschinisten reinigen den Maschinenraum. Für die Kabinen sind die Bewohner*innen selbst verantwortlich.

Wasserbeschaffung Rotation
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Täglich folgen zahlreiche Trainings, praktische und theoretische, viele für alle zusammen, manche abgestimmt auf die einzelnen Teams. Es gibt Schiffsführungen, Sicherheitstrainings, Erste-Hilfe- Übungen, Vorträge zur Organisation SOS Humanity und ihren Zielen, zum Ablauf eines Rettungseinsatzes,zu „Cultural Sensitivity“ und vielen weiteren Themen. Jede*r Einzelne hat seine*ihre spezielle Aufgabe in jeglicher Situation. Von Tag zu Tag fühle ich mich besser vorbereitet.

Zwischendurch kommen Lieferungen von Lebensmitteln und Waren, die benötigt werden für den Einsatz. Dann unterbrechen wir das Training und machen eine Transport-Kette von der Gangway bis in den Bauch des Schiffes. Es gibt erstaunlich viele Kühlräume und Lagerräume. Wir müssen für mehrere Wochen auf See autark sein.

Nach dem Abendessen sitzen wir zusammen, reden und lernen uns besser kennen. Doch auch abends gibt es immer wieder etwas zu tun: Zwei Kisten voller Knoblauch haben wir Zehe für Zehe an einem Abend geschält und hatten dabei viel Spaß. Für beides wird auf See keine Zeit mehr sein. Den Knoblauch haben die „Cookies“ anschließend gehäckselt und eingefroren. An zwei Abenden haben wir insgesamt 500 sogenannte Rescue Kits gepackt. Das war allein logistisch eine kleine Herausforderung: Die neue Kleidung für die Geretteten musste ausgepackt, nach Größen sortiert und in einen entsprechenden Umhängebeutel gepackt werden; für jede Größe eine andere Farbe des Beutels. Unterhose, Socken und Zahnbürste ins Handtuch gerollt, T-Shirt, Hoodie und Jogginghose einzeln dazu, Wasserflasche und hochkalorische Notfallnahrung – fertig ist das Rescue Kit Inzwischen sind alle Kits im Schiffsrumpf verstaut, bereit verteilt zu werden.

Rettungsbild
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Besonders spannend ist für mich das praktische RHIB-Training. Das Such- und Rettungsteam steigt dabei in voller Montur in die beiden schnellen Rettungsboote, die RHIBs (Rigid Hull Inflatable Boats), die „Bravo“ und „Tango“ heißen. Eines der drei zusätzlichen Life-Rafts, Rettungsflöße, die wir auf der Humanity 1 mitführen, wird an „Tango“ befestigt. Eine Gruppe der Crew steigt mit in die beiden Boote, in kurzen Hosen und T-Shirt. Unsere Rolle: Wir stellen für die Übung die Menschen in Seenot dar. Außerhalb des Hafens, auf offenem Meer, werden wir auf dem Schlauchboot-ähnlichen Life-Raft „ausgesetzt“. Dann wird unsere Rettung simuliert. Eine aufschlussreicher Perspektivwechsel für mich, aber vor allem ein wichtiges Praxistraining für die Rettungscrew.

Allein die erste Woche auf der Humanity 1, noch angedockt im Hafen, ist eindeutig sehr wertvoll für mich. Ich verstehe noch besser, was alles vorbereitet werden muss und wie die Abläufe sind. Bald werden wir den Anker lichten, das erwarte ich mit Spannung. Bis dahin werden weiter die Abläufe an Bord eingeübt. Ich empfinde Dankbarkeit, dass unsere vielen Unterstützer*innen diese wichtige Vorbereitung des Rettungseinsatzes möglich machen.

 

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