„Möge Humanity niemals untergehen“ – David Yambio bei der Taufe der Humanity 2
„Wir sind hier! Wir werden kämpfen! Bewegungsfreiheit ist unser aller Recht!“
Mit diesen Worten eröffnete der Taufpate des Schiffes, David Yambio, seine Rede bei der Taufe der Humanity 2 am 25. Juni 2026 in Licata in Italien.
In seiner Rede berichtet der Menschenrechtsaktivist und Leiter der Organisation Refugees in Libya von seinen eigenen Erfahrungen mit der Flucht vor Gewalt und der Suche nach Sicherheit. Er spricht darüber, womit die Menschen in Libyen und im zentralen Mittelmeer nach wie vor konfrontiert sind, und betont die Bedeutung von Solidarität sowie ziviler Such- und Rettungsarbeit.
Hier seine Rede anschauen, oder unten lesen:
„Wir sind hier! Wir werden kämpfen! Bewegungsfreiheit ist unser aller Recht!
Das ist notwendig, weil ein großer Teil meines Lebens auf der Straße stattgefunden hat – im Versuch, einfach zu überleben. Ich weiß nicht, wie ich ausdrücken soll, was meine Haut in diesem Moment wirklich fühlt und wie sich meine Erinnerungen in mir drehen. Vielleicht sollte ich damit beginnen, mich noch einmal vorzustellen:
Mein Name ist David Yambio. Ich stamme ursprünglich aus dem Südsudan. Ich bin Community-Organisator, Menschenrechtsverteidiger und derzeit Geschäftsführer von Refugees in Libya, einer von Geflüchteten selbstorganisierten und selbstgeführten Bewegung.
Doch bevor ich all diese Titel trug, war ich einfach ein Mensch – ein Mensch auf der Suche nach Sicherheit. Auf dieser Suche wurde ich durch viele afrikanische Länder ins Exil gezwungen. Von einem Flüchtlingslager ins nächste, von einer schrecklichen Situation in die andere. Bis ich schließlich in Libyen landete.
Dort wurde ich entführt, verschleppt, gefoltert, versklavt, ausgebeutet und vollständig entmenschlicht – auf eine Weise, für die ich bis heute keine angemessenen Worte gefunden habe.
Von der libyschen Küste aus versuchte ich fünfmal – fünfmal –, in Richtung Sicherheit und Schutz zu fliehen. Jedes einzelne Mal wurde ich im zentralen Mittelmeer unter Waffengewalt abgefangen und nach Libyen zurückgebracht – zurück in genau die Gewalt, vor der ich zu fliehen versuchte.
Diese Realität war nicht nur meine. Sie war die Realität von Tausenden und Abertausenden Menschen, die gezwungen wurden, sich in Libyen wiederzufinden.
Schließlich habe ich überlebt. Ich war nur einer von wenigen, denen die Flucht gelang. Viele Tausende haben es nicht geschafft.
Heute lebe ich hier in Italien. Doch durch Refugees in Libya stehen wir in ständigem Kontakt mit unseren Geschwistern, unseren Brüdern, unseren Schwestern, unseren Mitstreiter*innen – mit Menschen, die noch immer unter denselben Bedingungen leben, denen wir entkommen konnten.
Wir erhalten verzweifelte Anrufe aus Haftlagern, über das zentrale Mittelmeer hinweg. Menschen, die nicht einmal mehr in der Lage sind, Lebensmittel einzukaufen, weil sie in jeder Hinsicht zum Tode verurteilt sind.
Wir erhalten Anrufe von Menschen, die zu Hunderten zusammengetrieben und in der Wüste ausgesetzt werden.
Wir erhalten Anrufe von Müttern, Vätern, Geschwistern, die nach ihren Angehörigen suchen, die verschwunden sind – gewaltsam verschleppt und zum Verschwinden gebracht durch staatliches Handeln und eine Politik der Gleichgültigkeit.
Deshalb bedeutet dieser Tag heute für mich so viel. Er ist zugleich ein Moment der Hoffnung. Wir sind hoffnungsvoll, und wir sind dankbar, dass wir noch immer hier stehen – dort, wo viele Institutionen und Regierungen es vorziehen, uns nicht zu sehen.
Weil wir diesen gemeinsamen Boden teilen und weil ich die Stimmen so vieler Menschen in mir trage, erlauben Sie mir bitte, zum Abschluss auf mein Manuskript zu schauen und mit ihren Stimmen zu sprechen.
Wie ich bereits sagte: Dieses Schiff steht für etwas zutiefst Menschliches. Für den einfachen Glauben daran, dass wir die Pflicht haben, ohne Zögern zu handeln, wenn ein anderer Mensch in Gefahr ist.
Es geht längst nicht mehr nur darum, die ausgrenzende Grenzpolitik der EU-Mitgliedstaaten abzulehnen – insbesondere solange es keine sicheren Fluchtwege für schutzsuchende Menschen gibt.
Es geht um unsere Weigerung, uns an Verbrechen gegen die Menschlichkeit im zentralen Mittelmeer mitschuldig zu machen.
Wenn das bedeutet, 30.000 zivile Seenotrettungsboote ins Meer zu schicken, dann werden wir genau das tun – unbeirrt, trotz aller Versuche, unsere Pflicht, unsere Verantwortung, unsere Solidarität und unsere Menschlichkeit zu kriminalisieren.
Dieses Schiff ist unser erneuter Ausdruck dieser Weigerung.
Dieses 24 Meter lange Segelschiff wird dabei helfen, Menschen in Seenot zu retten. Menschen wie mich. Menschen, die sich ein solches Schiff sehnlicher gewünscht hätten, als sie verzweifelt mitten auf dem Meer waren.
Es wird Zeugnis davon ablegen, was jenseits des Horizonts weiterhin geschieht. Es wird das Mittelmeer beobachten, Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und sichtbar machen, was allzu oft verborgen bleibt.
Wie wir bereits gehört haben, besteht seine Besatzung größtenteils aus Freiwilligen, die die Zivilgesellschaft vertreten.
In einer Zeit, in der enorme Ressourcen und politische Anstrengungen darauf verwendet werden, die Ankunft schutzsuchender Menschen – von Menschen wie mir damals – zu verhindern, erinnert uns dieses Schiff daran, dass gewöhnliche Menschen sich noch immer für Verantwortung und Solidarität statt für Gleichgültigkeit entscheiden können.
Heute habe ich als Taufpate die Ehre, diesem Schiff seinen Namen zu geben.
Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen Humanity 2.
Doch in Wahrheit – und ich glaube, Sie spüren das selbst – braucht nicht dieses Schiff einen Namen. Sondern wir.
Denn jede Generation muss entscheiden, ob sie für die Leben in Erinnerung bleiben möchte, die sie geschützt hat, oder für jene, die sie im Stich gelassen hat.
Wie einer der Kollegen von der Bank bereits sagte: Schiffe retten keine Menschen. Menschen retten Menschen.
Dieses Schiff existiert nur, weil Menschlichkeit noch immer in uns lebt.
Und weil wir uns entscheiden, diesem menschlichen Weg zu folgen – statt politischer Gleichgültigkeit und der Ausgrenzung von Menschen aus Gründen, die sich in keiner Weise rechtfertigen lassen.
Möge Humanity niemals untergehen – so wie so viele Menschen im zentralen Mittelmeer untergegangen sind.
Möge sie stets günstige Winde und eine sichere See finden.
Möge sie den Menschen in Gefahr Sicherheit bringen.
Möge sie Zeugnis für die Wahrheit ablegen.
Und möge sie uns immer wieder daran erinnern, dass sich Menschlichkeit niemals an der Stärke unserer Grenzen misst, sondern an unserem Mut, einander zu schützen.
Denn wir sind es, die füreinander Sicherheit schaffen.
Vielen Dank!“