Antoine, Anwalt aus Frankreich, Kulturmediator an Bord der Humanity 1

Antoine und Gerettete
Photo: Nicole Thyssen / SOS Humanity

„Die Motivation und Entschlossenheit der geretteten Menschen waren beeindruckend“

Zuhause arbeitet Antoine als Anwalt, auf dem Wintereinsatzes des Rettungsschiffes Humanity 1 war der Franzose ehrenamtlich als Kulturmediator dabei. In dieser Zeit rettete die Crew vor der libyschen Küste 261 Menschen aus Seenot. Hier berichtet Antoine über seine Arbeit an Bord.

Als Anwalt hatte ich schon seit mehreren Jahren Kontakt zu zivilen Such- und Rettungsorganisationen im Mittelmeer. Im November 2022 erhielt ich von der deutschen Seenotrettungsorganisation SOS Humanity eine positive Antwort auf meine Bewerbung, mich an einem Einsatz zu beteiligen. Es war der Beginn eines aufregenden menschlichen Abenteuers.

Ich arbeite im Straf- und Ausländerrecht. Außerdem habe ich mehrere Jahre lang in Jordanien und Ägypten Arabisch studiert. Im Sommer habe ich sechs Jahre lang als Rettungsschwimmer an den Stränden Frankreichs gearbeitet. Mein Profil passte somit perfekt zu der Position des Kulturmediators an Bord. Meine Aufgabe bestand im Übersetzten, aber ich habe auch an den Rettungen teilgenommen und die Ansprache der Menschen auf Französisch oder Arabisch übernommen.

„Wir müssen Wunder vollbringen“

Ich erinnere mich gut an die Szene unserer zweiten Rettung, als ein Holzboot in den Wellen zu kentern drohte. Der Verantwortliche auf dem Schnellboot, mit dem wir die Menschen in Seenot retten, sagte uns, wir müssten versuchen „Wunder zu vollbringen“. Die Anspannung war auf dem Höhepunkt. Die 49 Menschen an Bord des Bootes in Seenot schrien, weinten und flehten uns an sie schnell zu retten. Es war mitten in der Nacht und wir hatten Seegang. In dieser apokalyptischen Szene musste ich ihnen immer wieder sagen, dass sie sitzen bleiben sollen. Jede Bewegung konnte das Boot gefährlich aus dem Gleichgewicht bringen.

 

 

Antoine
Photo: Nicole Thyssen / SOS Humanity

Das Rettungsmanöver war in der Umsetzung als auch in sprachlicher Hinsicht riskant. Bei der ersten Kontaktaufnahme müssen wir den Flüchtenden zu verstehen geben, dass wir keine Libyer sind und sie nicht dorthin zurückbringen, woher sie geflohen sind. Wegen ihrer Panik könnten Menschen jedoch vielleicht nur „Libyer“ in dem Satz „Wir sind keine Libyer“ hören. Daher sagen wir zuerst einen einfachen Satz auf Englisch, bevor der Dialog auf Arabisch weitergeführt wird.

Arabisch kann auch verwendet werden, um Kontakt mit der sogenannten libyschen Küstenwache aufzunehmen, wenn diese vor Ort ist. So musste ich beispielsweise eine Nachricht des Kapitäns über Funk an ein libysches Patrouillenboot übersetzen. Die Libyer hatten eine Gruppe von Flüchtenden gewaltsam auf ihr Schiff gebracht, während die Humanity 1 mit einer anderen Rettung beschäftigt war – ein rechtswidriger „Pull-back“. Unser Kapitän wollte sie auffordern, diese Menschen gemäß internationalem Recht auf unser Rettungsschiff zu bringen, da Libyen durch Krieg und alltägliche Gewalt kein sicherer Ort ist. Es war vergeblich, die Libyer reagierten nicht.

Aufklärung zu Asylverfahren und Konfliktlösung

Sobald die Menschen nach einer Rettung an Bord der Humanity 1 waren, informierten wir sie über das Recht auf Asyl und das Verfahren in Europa. Die Motivation und Entschlossenheit der geretteten Menschen waren beeindruckend. Nach der libysche „Hölle“ und kurz nach ihrer Nahtoderfahrung in einem wackeligen Boot auf hoher See verstanden sie gut, dass sie nun in das Dickicht der europäischen Verwaltungs- und Gerichtsverfahren eindringen mussten.

Es war zudem meine Aufgabe, interkulturelle Konflikte zu verhindern oder zu lösen. Um Konflikte an Bord zu vermeiden, musste ich wissen, wer der Anführer einer bestimmten Gruppe war. Diese Personen konnten die anderen beruhigen, oder als Sprecher ihrer Gruppe fungieren. Es half, mit allen zu lachen und über ihre Schmerzen, Ängste oder Hoffnungen zu sprechen. Ihr Vertrauen wuchs, wenn ich zuhörte, wenn sie von den Schrecken in Libyen erzählten. Im Gegenzug wurde ich gehört und respektiert.

So adrenalingeladen die Rettungseinsätze waren, so sehr war die Phase der Betreuung der Geretteten an Bord und der Organisation des täglichen Lebens von intensiven menschlichen Momenten geprägt.

Ein Geretteter entkam den Kugeln der Libyer – viele andere nicht

Ich erinnere mich an diesen stolzen Ägypter, der in Tränen ausbrach, als er von den Misshandlungen, den Verbrennungen durch Zigaretten und seiner unglaublichen Flucht aus dem Gefängnis erzählte. Es gelang ihm, eine Lehmmauer zu zerstören, und Dutzende von Menschen flohen mit ihm Richtung Meer. Viele starben unter den Kugeln der Wachen. Er schaffte es, ans Meer zu gelangen. Ich hoffe, er wird die Möglichkeit bekommen, glücklich zu sein.

Jeden Tag sah ich Tränen in den Gesichtern der Crewmitglieder, auch auf meinem eigenen. Die Geschichten, die die Geretteten erzählten, waren oft schrecklich oder zutiefst berührend. Die Rettungen waren körperlich und psychisch so anstrengend, dass einige an ihre Grenzen kamen. Aber jeden Tag sah ich, wie meine Teammitglieder immer wieder ihr Bestes gaben.

Die 261 Geretteten konnten Mitte Dezember in Europa an Land gehen – aber erst nach zwei Tagen Fahrtzeit zu dem zugewiesenen italienischen Hafen Bari. Seit die rechte Regierung von Giorgia Meloni in Italien im Amt ist, ist das makabre Feilschen um Rettungen und dem Anlanden mit Geretteten für zivile Seenotrettungsorganisationen noch schwerer geworden. Wann wird das ein Ende haben?

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