Dounia, Kulturmediatorin auf der Humanity 1

Photo: Arez Ghaderi / SOS Humanity

Die belgische Anwältin Dounia erlebte als Kulturmediatorin während unseres ersten Einsatzes mit der Humanity 1, wie viel bereits die Frage „Wie geht’s?“ bei Geretteten bewirken kann. Seenotrettung beinhaltet nicht nur die Rettung aus Seenot sowie die medizinische Versorgung der Überlebenden. Ebenso wichtig ist es, ihnen während ihrer Zeit bei uns an Bord empathisch und auf Augenhöhe zu begegnen. In dem am Freitag, den 21. Oktober 2022, erschienen Beitrag auf Fokus Online berichtet sie davon:

Seit mehreren Jahren verfolge ich die Einsätze der zivilen Seenotrettungsorganisationen im Mittelmeer. Ich war immer beeindruckt von der Motivation und der Arbeit der humanitären Organisationen, die unter diesen schwierigen Bedingungen tätig sind. Ich bewunderte, was sie leisteten und hoffte insgeheim, dass ich eines Tages an Bord eines dieser Rettungsschiffe gehen könnte. Ich war jedoch überzeugt, dass es für mich mit meinem juristischen Hintergrund an Bord keine Funktion gibt. Als ich schließlich verstand, dass diese Schiffe nicht nur Retterinnen und Retter und medizinische Teams brauchen, fasste ich den Mut, mich bei SOS Humanity zu bewerben und meine sozialen Fähigkeiten und meine bisherigen Erfahrungen mit Geflüchteten einzubringen.

So wurde ich Teil der Besatzung der Humanity 1 bei ihrem ersten Rettungseinsatz im August/September 2022. Meine Aufgabe als ehrenamtliche Kulturmediatorin bestand darin, das Vertrauen der geretteten Menschen in die Crew und die Organisation zu stärken. Dazu musste ich eine Bindung zwischen den Überlebenden und den Besatzungsmitgliedern an Bord herstellen.

Die meisten Menschen, die über das Mittelmeer fliehen, waren in Libyen massiven Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, wo Folter, Missbrauch, Misshandlung und sexualisierte Gewalt für Menschen auf der Flucht an der Tagesordnung sind. Über Monate oder Jahre hinweg haben diese Menschen unermesslich gelitten, sowohl physisch als auch psychisch. Sie wurden nicht als Menschen behandelt. Jeder, mit dem ich auf dem Schiff gesprochen habe, beschrieb Libyen als „Hölle auf Erden“, und als ich die Geschichten unserer Geretteten an Bord hörte, war es für mich kaum zu begreifen, welches Ausmaß an Grausamkeit sie ertragen mussten. Monate- oder jahrelang kümmerte sich niemand um sie. Sie haben ausschließlich Gewalt und Aggressivität erlebt. Deshalb ist es wichtig, dass sie, wenn sie an Bord kommen, sofort eine gegenteilige Erfahrung machen:

Endlich wurden sie menschlich behandelt und medizinisch erstversorgt.

Endlich konnten sie sich entspannen. Mehrere Gerettete erzählten mir, dass sie an Bord zum ersten Mal wirklich schlafen konnten, ohne befürchten zu müssen, in der Nacht misshandelt, gefoltert oder gar getötet zu werden. Nach langer Zeit konnten sie schließlich ihren Körper und ihren Geist zur Ruhe kommen lassen.

Unsere erste Rettung fand nachts statt. Nachdem sie an Bord gekommen waren, schliefen die Überlebenden von einer Sekunde zur anderen ein. Am nächsten Morgen verbrachte ich die meiste Zeit des Tages damit, nach allen zu sehen und die einfache Frage zu stellen: „Hey, wie geht’s?“. Ich erwartete nicht, auf diese Frage wirkliche Antworten zu bekommen. Ich war überzeugt, dass es ihnen tief innen nicht gut ging und dass viele durch ihre Erfahrungen in Libyen traumatisiert waren, was ihre durch die Fluchtgründe bedingte Belastung noch verstärken würde. Aber mit dieser einfachen Frage konnte ich zeigen, dass sie mir am Herzen liegen. Für einige war es das erste Mal seit Jahren, dass sie gefragt wurden, wie sie sich fühlten. Und ich konnte sehen, wie ihre Augen aufleuchteten, als sie antworteten: „Es geht mir gut!“.

Dies ist ein sehr kurzer Austausch, aber er bedeutet so viel. Denn von dem Moment an, in dem wir sie auf diesem Schiff willkommen heißen, kümmern wir uns um sie. Wir versorgen die Menschen nicht nur mit Essen, sauberer Kleidung und einem Platz zum Schlafen, sondern wir kümmern uns auch darum, wie sie sich fühlen.

Photo: Arez Ghaderi / SOS Humanity

Nachdem wir weitere Rettungseinsätze hatten, bestand meine Aufgabe auch darin, für ein gutes Zusammenleben zwischen den verschiedenen Gruppen an Bord zu sorgen. Wir haben insgesamt 414 Menschen unterschiedlichen Alters, Religion, Herkunft und Kultur aus vielen verschiedenen Ländern gerettet (Bangladesch, Kamerun, Ägypten, Eritrea, Äthiopien, Gambia, Guinea, Elfenbeinküste, Libanon, Mali, Nigeria, Pakistan, den palästinensischen Gebieten, Senegal, Südsudan, Sudan und Syrien).

Jeder, der gerettet wurde, befand sich in einem Zustand von außerordentlichem Stress, Erschöpfung, oft Trauma und/oder Krankheit. Das tägliche Leben mit so unterschiedlichen Kulturen auf einem 60 Meter langen Schiff ist vor diesem Hintergrund kaum vorstellbar, ohne Privatsphäre und nachdem sie eine der traumatischsten Erfahrungen ihres Lebens gemacht haben.

Dementsprechend war meine Aufgabe an Deck eine Herausforderung. Dennoch habe ich viele schöne Momente voller Respekt und kultureller Demut erlebt.

Einige Tage nach unserer ersten Rettung haben wir uns auf eine zweite Rettung vorbereitet.

Dies ist ein kritischer Moment, in dem wir den bereits Geretteten an Bord erklären müssen, dass wir weitere Menschen auf dem Schiff aufnehmen werden. Wir müssen sie darauf vorbereiten, dass sich dies auf den Komfort, die Ruhe und den Platz der ersten Gruppe auswirken werden würde. Nachdem dieser zweite Rettungseinsatz erfolgreich abgeschlossen war, reihte sich die erste Gruppe der Geretteten bei der anschließenden Essensausgabe nicht in die Warteschlange ein, sondern ließ die neue Gruppe vor. Als ich die erste Gruppe fragte, warum sie nicht für das Essen anstehen, sagte sie mit Blick auf die Neuen: „Sie sind unsere Gäste hier, sie sollen zuerst essen“. Ich war sehr gerührt von diesem großzügigen Akt der Menschlichkeit.

Einige Tage später brachten wir eine Djembe, eine westafrikanische Trommel, an Deck, da die Tage auf See immer langweiliger und schwieriger wurden, während wir auf die Zuweisung eines sicheren Ortes warten mussten. Die Leute verstehen nicht, warum wir so viele Tage und Wochen warten müssen, obwohl die italienische Küste nah ist. In dieser Zeit des Wartens und der Untätigkeit kann die Spannung an Bord schnell ansteigen. Wir sind bemüht, dies zu verhindern, indem wir die Menschen zu beschäftigen versuchen, was auf einem Schiff mit Hunderten von Menschen an Deck nicht einfach ist. Mit der Djembe-Trommel bewies eine Gruppe von Menschen aus Gambia, dass sie das Instrument hervorragend beherrschte. Die Leute spielten, sangen und tanzten lebhaft. Sie zeigten uns damit einen Teil ihrer Kultur und schafften es, den vielen Geretteten an Bord ein Lächeln zu entlocken. Auch Menschen aus Bangladesch beobachteten die Szene, waren aber mit der Djembe nicht vertraut. Die Gambier forderten sie aber nachdrücklich auf, mitzutanzen. Es war ein schöner Moment, in dem die Anspannung abgebaut werden konnte. Sie machten schließlich mit, um die schrecklichen Dinge, die sie erlebt hatten, für einen Moment zu vergessen. Es war ein bewegendes Erlebnis, Menschen mit so unterschiedlichem Hintergrund auf einem Schiff mitten auf dem Meer gemeinsam tanzen zu sehen. In einer Zeit, in der Konflikte überall auf der Welt zunehmen, war es für mich ein Geschenk zu sehen, wie tolerant und offen diese Gruppen miteinander umgehen.

Diese sechs Wochen an Bord der Humanity 1 waren zweifelsfrei eine Erfahrung, die nicht alltäglich ist. Als europäische Bürgerin hoffe ich wirklich, dass es mir in dieser Zeit gelungen ist, diese Menschen in Not mit der Würde, dem Respekt und dem Schutz, den sie verdienen, willkommen zu heißen.

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