Frances, Care-Koordinatorin, über einen sehr traurigen Einsatz

Drei Personen auf einem Rettungsschiff

Frances ist Care-Koordinatorin und verantwortlich für die Betreuung und Versorgung der geretteten Überlebenden. Sie leitet das Care-Team und ist Teil der Einsatzleitung an Bord der Humanity 1. Frances arbeitet seit 2023 bei SOS Humanity. Sie berichtet hier über einen sehr traurigen Einsatz.

Bei einem der schlimmsten Schiffsunglücke in der Nachkriegsgeschichte Europas ertranken am 3. Oktober 2013 368 Menschen vor der Küste von Lampedusa, einer kleinen italienischen Insel im zentralen Mittelmeer. Genau zwölf Jahre später, am 3. Oktober 2025, befinde ich mich an Bord des Rettungsschiffs Humanity 1 60 Seemeilen südlich von Lampedusa. Die See ist noch zu rau, um mit kleinen Booten aus Libyen oder Tunesien abzulegen, aber wir rechnen mit Überfahrten am Wochenende, wenn das Wetter laut Vorhersage viel ruhiger sein soll.

Es ist 15 Uhr am Nachmittag, als plötzlich aus dem Nichts ein überfülltes Schlauchboot inmitten der schäumenden Wellen auftaucht und dann wieder verschwindet. Die Wetterbedingungen sind sehr gefährlich – die Wellen sind drei Meter hoch, und das in Not geratene Boot befindet sich nur wenige hundert Meter vor unserem Schiff. Wir haben keine andere Wahl, als eine riskante Rettung aus nächster Nähe durchzuführen. Ein solches Manöver ist gefährlich, denn wenn ein kleines Boot neben dem großen Mutterschiff liegt, besteht die Gefahr, dass Menschen in der Lücke zwischen den beiden Schiffen zerquetscht oder während der Rettung unter das Boot gezogen werden.

"Dann verschwindet er auf einmal unter den Wellen – das Rettungsteam hat keine Chance, ihm zu helfen."

Extrem schwierige Bedingungen

Ohne uns vorbereiten zu können, befinden wir uns plötzlich in einer Situation, die wir kaum kontrollieren können. Wir rufen gegen den Wind und die Schreie der Menschen auf dem Schlauchboot an, während die Crew an Deck Leinen zu den ausgestreckten Händen wirft. Die Mutter mitten in den verschlungenen Körpern schreit am lautesten: Im Arm hält sie ein Kleinkind mit schweren Treibstoffverbrennungen. Plötzlich greift ein junger Mann nach einem Seil am Schiff und klammert sich verzweifelt daran. Als das kleine Boot von den Wellen hin und her geworfen wird, vergrößert sich der Abstand zum Mutterschiff, während der Körper des Mannes sich über den Abgrund hinwegstreckt. Dann verschwindet er auf einmal unter den Wellen – das Rettungsteam hat keine Chance, ihm zu helfen.

Medizinische Evakuierung notwendig

Je mehr Menschen wir an Bord holen, desto mehr wird uns bewusst, dass es sich um einen Massenunfall handelt, und wir leiten unsere medizinischen Notfallmaßnahmen ein. Während Tragen über das Deck hin und her transportiert werden und sich die Bordklinik mit bewusstlosen Menschen füllt, beginnen wir sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung und fordern bei den zuständigen Behörden medizinische Evakuierungen an.

Die italienische Küstenwache und das maltesische Militär arbeiten zusammen, um zehn Personen zu evakuieren: Die beiden kritischsten Fälle sollen mit einem maltesischen Hubschrauber und acht weitere mit einem Schiff der italienischen Küstenwache von Bord geholt werden. Als die Hilfe endlich eintrifft, scheitern jedoch mehrere Versuche der italienischen Küstenwache, sich unserem Schiff zu nähern. Die Wellen sind einfach zu hoch. In den nächsten Stunden eskortieren sie uns näher an Lampedusa heran, wo sie die Evakuierung in größerer Küstennähe erneut versuchen werden.

Hubschraubereinsatz unmöglich

In der Klinik warten wir angespannt auf die Ankunft des Hubschraubers: Denn die Überlebenden, die an Bord der Humanity 1 gebracht wurden, leiden unter schwerer Unterkühlung, starker Dehydrierung und Verbrennungen durch das Treibstoff-Salzwassergemisch. Doch kaum versuchen wir, den ersten Patienten mit der Winde zum Hubschrauber hochzuziehen, verfängt sich das Seil in unserem Mast. Der Wind ist mit acht Beaufort (entspricht etwa 70 km/h) äußerst stark, eine Rettung per Hubschrauber erweist sich als unmöglich. Die beiden maltesischen Rettungskräfte, die aus dem Hubschrauber heruntergelassen wurden, müssen bei uns an Bord bleiben. Die stundenlangen Wiederbelebungsversuche sind bei zwei Menschen vergeblich. Irgendwann können wir nur noch ihren Tod feststellen.

Bilder von dem Einsatz:

Verletzte Person wird an Bord der Humanity 1 gestützt
Auf dem Rettungsschiff werden Verletzte versorgt
Verletzte Person wird in einer Trage auf einem Rettungsschiff getragen
Geflüchtetenboot

Endlich die Evakuierung

In den frühen Morgenstunden können wir endlich fünf Überlebende evakuieren: die Mutter und ihr Kleinkind mit Treibstoffverbrennungen sowie drei weitere junge Männer in kritischem Zustand. Später erfahren wir durch eine Partnerorganisation, dass einer von ihnen drei Wochen lang auf dem Festland auf der Intensivstation bleiben musste. Die 34 übrigen Überlebenden an Bord sind schwer geschwächt, vielfach traumatisiert und körperlich kaum in der Lage, ohne Hilfe zu stehen, sich zu bewegen oder zu trinken. Es dauert weitere 30 Stunden, bis sie in Sizilien von Bord gehen können.

Während wir rund um die Uhr für sie sorgen, hören wir mehr und mehr Berichte darüber, was sich zugetragen hat. Das Boot war am 29. September aus der Küstenstadt Zuwara in Libyen ausgelaufen. Fast 50 Menschen befanden sich an Bord. Am zweiten Tag gingen ihnen die Vorräte an Essen und Wasser aus. Am dritten Tag, als sich das Wetter verschlechterte, gab es keinen Treibstoff mehr. Sie sahen Lampedusa am Horizont, konnten sich aber nicht weiter vorwärtsbewegen, und die Wellen trieben sie immer wieder zurück. Einige der Menschen in Seenot versuchten verzweifelt, an Land zu schwimmen, um Hilfe zu holen, schafften es aber nicht zurück zum Schlauchboot. Als wir das Boot unerwartet fanden, waren die Menschen darin bereits seit Tagen im stürmischen Wetter getrieben.

Viele Menschen bleiben vermisst

„Omar, wo ist Omar?“, fragt uns ein Junge Tag und Nacht immer wieder. Omar ist sein Bruder. Er ist 17 Jahre alt. Sie waren zusammen auf dem Boot. Aber wir können Omar nirgendwo finden. Wir versuchen, uns zusammenzureimen, was passiert ist. Vorsichtig zeigen wir dem Bruder Fotos von denen, von denen wir wissen, dass sie tot sind, die wir aber nicht identifizieren konnten. Nein, Omar ist nicht in der Klinik gestorben. Nein, er ist nicht derjenige, den wir ertrinken gesehen haben. Wir wissen nicht, wo Omar ist, aber wir wissen, dass es unwahrscheinlich ist, dass er noch lebt.

„Abdulrahim, Abdulrahim“, fleht uns die Stimme eines anderen jungen Mannes aus einer Decke heraus an, ihm bei der Suche des Mannes zu helfen. Wir fanden Abdulrahims Pass in seiner Tasche, als wir die Wiederbelebungsmaßnahmen einstellten. Er war 28 Jahre alt.

Eine Katastrophe, die kaum beachtet wird

Abdulrahim und Omar waren, wie die meisten an Bord, junge Männer aus dem Sudan. Sie flohen vor einem Konflikt, der mehr als 150.000 Menschen das Leben gekostet und mehr als 14 Millionen Menschen vertrieben hat, der jedoch in den Schlagzeilen der westlichen Medien nach wie vor kaum Beachtung findet.

Bei den Rettungseinsätzen der Humanity 1 sehen wir immer mehr Sudanesen, die sich auf eine der tödlichsten Migrationsroute der Welt begeben. Wir werden nicht zulassen, dass ihre Geschichten in einem Massengrab westlicher Gleichgültigkeit verschwinden.