Lisa, Mental Health Representative auf der Humanity 1

Lisa, die mental health Beauftragte

Lisa, unsere Mental-Health-Beauftragte an Bord, berichtet welche psychologischen Konsequenzen sie bei den Geretteten während der ersten Rotation der Humanity 1 beobachtet hat. 

„Die Anwesenheit eine*s*r Beauftragten für psychische Gesundheit an Bord ist bei der Seenotrettung nicht üblich, aber insbesondere im Kontext der zentralen Mittelmeerroute sehr sinnvoll. Wir können so ein viel komplexeres Verständnis für die psychische Situation an Bord entwickeln.

Der psychische Gesundheitszustand

Der psychische Gesundheitszustand der Geretteten an Bord hängt mit den Anzeichen von Gewalt und Misshandlung zusammen, die ich und unsere Ärztin Barbara bei den medizinischen Beratungen beobachten konnten. Sie sind aber nicht der einzige Grund. Das seelische Leiden hat seine Wurzeln in der Situation, mit der die Geretteten in ihren Heimatländern konfrontiert waren. Überlebende an Bord berichten, dass sie mit dem Tod bedroht und entführt wurden. Einer von ihnen erzählte uns, dass er die Ermordung seiner Frau und seiner Kinder mit ansehen musste, bevor er aus seinem Heimatland floh.

Zusätzlich zu dieser Gewalt sind die Menschen in ihren Herkunftsländern einer Instabilität ausgesetzt, die wir uns in unserer westlichen Gesellschaft nicht vorstellen können. Die zunehmend ungewöhnlichen Wetterereignisse, wie regelmäßigere und stärkere Monsune, lassen die Bewohner*innen vieler Regionen ohne etwas zu essen zurück – und es gibt keinen Supermarkt um die Ecke.

Woher nehmen diese Menschen die Kraft, weiterzumachen, während alles um sie herum zerstört wird?

Was ich bei den Menschen neben dieser schlechten psychischen Verfassung sehen kann, ist ein unglaubliches Maß an Hoffnung und innerer Stärke. Was mich besonders beeindruckt, sind die Mechanismen zur persönlichen Bewältigung schlimmer Erlebnisse und die hohe Belastbarkeit der Geretteten.

Wir haben die gesetzliche Verpflichtung, diesen Überlebenden von Bedrohung, Gewalt und Unsicherheit einen sicheren Ort zu bieten.

Aus psychologischer Sicht sind die Geretteten in ihrer Zeit an Bord in einem besonders verletzlichen Zustand. Sie befinden sich im Transit von einem Ort, den sie verlassen mussten, zu einem Ort, den sie noch nicht kennen. An Bord verharren sie in der Mitte zwischen diesen beiden Orten. In ihren Köpfen befinden sich die Überlebenden ebenfalls in diesem Übergang, und sie fühlen sich völlig allein.

Viele von ihnen sind bereits seit über zwei Wochen auf dem Schiff.

Diese Zeit ist für sie eine leere Zeit, in der sie mit Unsicherheit, Einsamkeit und Angst konfrontiert sind. Die meisten von ihnen empfinden eine große Verantwortung für die Familien, die sie zurückgelassen haben. Sie können nicht einmal mit ihnen in Kontakt treten, und der Prozess zieht sich hin.

Dieser Ort dazwischen, unser Schiff, ist mental ein leerer Raum, in dem sie gezwungen sind, auf unbestimmte Zeit zu warten, ohne eine Wahl zu haben. Wir dürfen nie vergessen: Wenn wir Überlebende für eine so lange Zeit an Bord haben, schaden wir ihnen psychologisch.

Das ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte.“

Photo credits: Arez Ghaderi / SOS Humanity

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