Minderjährige auf der Flucht über das Mittelmeer
Minderjährige auf der gefährlichen Fluchtroute Mittelmeer
Im Durchschnitt verliert jeden Tag ein Kind sein Leben auf der Flucht über die zentrale Mittelmeerroute von Nordafrika nach Europa. Das ist vermeidbar.
123,2 Millionen – so viele Menschen waren Ende 2024 auf der Flucht. Das ist ein Anstieg um sieben Millionen im Vergleich zum Vorjahr. Etwa 49 Millionen von ihnen waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Zwischen 2018 und 2024 kamen zudem 2,3 Millionen Kinder während der Flucht zur Welt – häufig ohne Geburtsurkunde, Staatsangehörigkeit und den daran gebundenen Rechten.
Menschen fliehen nicht freiwillig, sondern aus größter Not. Sie fliehen vor Krieg, Armut, Klimakatastrophen und Gewalt. Auf gefährlichen Routen erleben sie Misshandlung, Ausbeutung, Inhaftierung oder gewaltsame Rückführung. Für viele endet die Flucht auf dem Mittelmeer, wo eine der gefährlichsten Routen der Welt verläuft – besonders gefährlich für Kinder.
Rund ein Viertel Minderjährige
In den vergangenen zehn Jahren kamen mehr als 21.000 Menschen auf der Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer ums Leben. Allein im Jahr 2025 starben fast 1.300 Menschen – darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Die meisten von ihnen waren ohne Begleitung von Erwachsen auf der Flucht. Seit 2015 sind mindestens 3.500 Kinder auf ihrem Weg übers Mittelmeer nach Europa gestorben oder werden vermisst (Stand: April 2025).
Die Crew von Humanity 1 beobachtet den Anteil unbegleiteter Minderjähriger auf der Flucht seit Beginn ihrer Rettungseinsätze: 2025 lag der Anteil der von SOS Humanity geretteten Minderjährigen bei rund einem Viertel der aus Seenot an Bord genommenen Flüchtenden, der Anteil der unbegleiteten Minderjährigen lang bei etwa einem Fünftel. Sie sind besonders schutzbedürftig. Oft sind sie schon seit Jahren auf der Flucht und haben als allein reisende Kinder unfassbare Grausamkeiten durchlebt.
Die Diplom-Psychologin Ester, die 2024 auf dem Rettungsschiff Humanity 1 im Einsatz war, berichtet Folgendes über die Situation der Minderjährigen: “Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben mir von tiefgreifenden traumatischen Erfahrungen berichtet. Das reicht von schweren Formen sexualisierter Gewalt über Folter, Kinderarbeit, Verlust von Angehörigen bis zu Fällen von Menschenhandel.”
Keita wurde von der Crew des Schiffs Humanity 1 gerettet.
*Name zum Schutz des Minderjährigen geändert.
Gemeinsam mit Partnerorganisationen wie den SOS-Kinderdörfern weltweit setzen wir von SOS Humanity uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche an Bord unseres Rettungsschiffs Humanity 1 geschützt und medizinisch und psychologisch versorgt werden. Oft können sie sich hier zum ersten Mal nach langer Zeit wieder sicher fühlen. Die Crew versucht, den Minderjährigen durch Spiele und weitere Beschäftigungsangebote während der Zeit an Bord ein wenig Normalität zu bieten und sie zur Ruhe kommen zu lassen.
Kinder auf der Flucht brauchen Schutz, medizinische Versorgung und psychologische Unterstützung. Die UN-Kinderrechtskonvention und die internationalen Menschenrechte betonen auch, dass Kinder und Jugendliche besonders schutzbedürftich sind. Mit unseren Einsätzen auf See und an Land tragen wir dazu bei, dass aus Seenot gerettete Kinder ihr Recht auf Leben und Sicherheit wahrnehmen können. Solange es keine sicheren Fluchtwege gibt, bleibt das Mittelmeer eine lebensgefährliche Grenze und Seenotrettung unerlässlich. Jedes Menschenleben zählt – und jede Unterstützung macht einen Unterschied.