Blog von Bord 04

Lookout auf der Brücke der Humanity 1

Ein Seenotfall wird gemeldet, wir erhöhen auf Höchstgeschwindigkeit. Eine stundenlange Suche beginnt. Sprecherin Petra berichtet direkt aus dem Einsatz der Humanity 1.

Mittwoch, 19. Oktober 2022, Mittelmeer

Am Montagabend bekommen wir eine Meldung von Alarm Phone zu einem möglichen Seenotfall. Eine Angehörige hat sich bei der zivilen Notfall-Hotline gemeldet zu einem Schlauchboot mit 104 Menschen, das morgens gegen 5:00 Uhr in der libyschen Küstenregion Alaluas abgelegt haben soll, zwischen Tripolis und Al-Khums. Um 18:00 Uhr hatte die Verwandte zuletzt Handykontakt zu den Menschen auf dem Boot, das zu diesem Zeitpunkt 30 Seemeilen, das sind rund 60 km, von der Küste entfernt gewesen sein soll. Seitdem: kein Lebenszeichen. Gegen 21:00 Uhr erhalten wir eine E-Mail von Alarm Phone mit den wenigen Details, die ihnen zur Verfügung standen. Wir machen uns umgehend auf in Richtung Ost-Südost, fahren dabei über 10,5 Knoten, etwa unsere Höchstgeschwindigkeit.

Um 21:30 Uhr verlasse ich meine Kabine, um herauszufinden, warum wir plötzlich so schnell fahren. Vorher sind wir nur etwa halbe Kraft gefahren. Ich treffe Samir, unseren Bootsmann aus Frankreich, er berichtet mir von der Meldung und der Suche nach dem Seenotfall. „Gegen 2:00 Uhr werden wir die ungefähre Position des Schlauchbootes erreichen“, berichtet er. Ich überschlage sofort, ob es sich lohnt, noch schlafen zu gehen, denn das Adrenalin macht sich umgehend bemerkbar. Mit der Aussicht auf die erste Rettung mitten in der Nacht werde ich kaum einschlafen können. Ich mache mich auf den Weg zur Brücke, um mehr zu erfahren. Camilla, unsere Kommunikations-Koordinatorin kommt mir entgegen. „Wir haben keine Angabe zur aktuellen Position des Bootes. Wenn wir keine neuen Informationen bekommen, ist die Chance, dass wir das Boot vor dem Morgengrauen finden, sehr gering. Du kannst also ruhig schlafen gehen.“

Suche bei Nacht
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Lookout von der Brücke der Humanity 1
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Auf der Brücke der Humanity 1
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Radar
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Um die ungefähre Position des Bootes zu schätzen, müssten wir die Zeit und den genauen Ort der Abfahrt kennen. Hier bleibt vor allem der Ort im Ungefähren, Alaluas ist ein großes Gebiet, kein präziser Ort. Unser Bridge-Team hat unter Einbeziehung von Windstärke, Strömung und Wellengang die wahrscheinliche Gegend bestimmt, wo sich das Boot bei unserem Eintreffen befinden könnte. Dort fahren wir seit etwa 4:00 Uhr morgens ein Suchmuster, das „Parallel-Pattern“. Seit der Nacht haben wir auf der Brücke einen doppelten Lookout, das bedeutet, zwei Crewmitglieder suchen mit den Ferngläsern den Horizont nach dem gesuchten „Target“ ab.

„Wir haben immer wieder kleine Lichter am Horizont gesehen, rote, blaue und weiße,“ erzählt mir Till, der eigentlich der Leiter der Schiffbetriebs von SOS Humanity ist, für diesen Einsatz aber als Schnellboot-Koordinator an Bord ist. „Die weißen könnten Taschenlampen auf dem Schlauchboot sein“. Till hat letzte Nacht auf der Brücke die Suche unterstützt. Die Lichter stellten sich als Fischerboote heraus.

Der Lookout wird ab dem Sonnenaufgang auf das Top-Deck verlegt, das höchstgelegene und kleinste Deck an Bord. Alle 1,5 Stunden werden die beiden Lookout-Diensthabenden abgelöst. Das konzentrierte Absuchen der Horizontlinie mit einem Fernglas ist ermüdend und sehr anstrengend für die Augen. Irgendwann verschwimmen vor dem starrenden Blick am Horizont Wasseroberfläche und Himmel, selbst kleine Wellen verdecken immer wieder die Sicht auf ein mögliches Boot dahinter.

Gegen 10:30 Uhr entdeckt der Kapitän auf dem Radar ein größeres Boot, wir können es durch die Ferngläser recht gut erkennen. Da es zunächst sehr schnell gefahren ist und dann nur noch mit einem Knoten, rechnen wir damit, dass es die sogenannte libysche Küstenwache ist und wir Zeugen eines Pull-backs werden müssen. Wir nähern uns langsam, denn falls unsere Vermutung stimmt, wollen wir zumindest das leere Boot fotografieren. Die Rückführung von aus Libyen Flüchtenden zurück in das Land, aus dem sie geflohen sind, ist rechtswidrig. Doch dann stellt sich heraus, dass es sich um ein großes Fischerboot handelt. Nachdem die fortgesetzte Suche nichts ergibt, und auch keine neuen Nachrichten zum Fall eingehen, vermuten wir, dass das Boot von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen wurde.

Am Vormittag gibt es noch Informationen zu einem zweiten Boot in Seenot, das Alarm Phone per E-Mail meldet. Der Motor soll defekt sein, die Anzahl der Insassen ist unbekannt. Wir suchen nun auch nach diesem Boot. Um die Mittagszeit meldet Alarm Phone, dass das Schlauchboot wieder in Libyen gelandet sei. Die Wellen haben es wohl wieder zurückgetrieben.

Lookout vom Top Deck der Humanity 1
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Die Stimmung an Bord ist angesichts der erfolglosen Suche nach dem ersten Seenotfall, dem Boot mit über 100 Menschen nachdenklich. Bei dem vergleichsweise stillen Mittagessen spreche ich mit unserem Such- und Rettungs-Coordinator (SARCo) Dragos über den letzte Nacht gemeldeten Fall. „Wenn wir neben der Ungenauigkeit von Ort und Zeit der Abfahrt nicht wissen, wie leistungsstark der Motor ist, ob er durchgehend funktioniert und in welche Richtung genau das Boot gesteuert wird und wenn wir keine Aktualisierung der Position des Seenotfalls bekommen, dann ist es schwierig das Boot zu finden.“

Wir haben unsere normale Suchpatrouille bei rund fünf Knoten wieder aufgenommen. Ich denke an die Menschen auf dem Boot und frage mich, wo sie jetzt sind und wie es ihnen ergeht.

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