Blog von Bord 03

Training Person über Bord

„Person über Bord!“ Auch diese Situation muss geübt werden. Auf See und auf dem Weg ins Rettungsgebiet wird trainiert. Sprecherin Petra berichtet direkt von der Humanity 1.

Sonntag, 16. Oktober 2022, Mittelmeer

Wir sind auf See! Freitagnachmittag, den 14. Oktober, haben wir Palermo verlassen und sind seither unterwegs in das Such- und Rettungsgebiet. Starke Winde und hoher Seegang haben bei einem Teil der Crew zu Übelkeit geführt. Am Freitagabend ist fast niemand mehr in der Messe anzutreffen. Nach meinem Ingwertee, der helfen soll gegen Seekrankheit, begebe ich mich auch früh in die Koje – und schlafe überraschend gut, trotz oder wegen des intensiven Schaukelns.

Am nächsten Tag gibt es ein weiteres RHIB-Training; bei dem Wetter eine neue für mich. Nachdem die beiden Schnellboote (RHIBs) mit jeweils dem Fahrer und zwei Mitgliedern der Such- und Rettungscrew (SAR-Team) über den Kran zu Wasser gelassen sind, komme ich vom Mutterschiff dazu. Vom Deck aus steige ich über die herunterhängende Bordleiter rückwärts ins RHIB „Bravo“, mit der vollständigen Rettungsausrüstung: Helm, wasserabweisende Latzhose, Sicherheitsschuhe, Rettungsweste (die sich bei Wasserkontakt selbst aufbläst) und Funkgerät. Da es keine Möglichkeit gibt, sich beim Abstieg festzuhalten, halten mich zwei Crewmitglieder and den Händen und lassen mich hinunter, während meine Füße die Sprossen der Leiter ertasten. Das Schnellboot ist permanent in Bewegung, hoch und runter.

Auch beim Losfahren müssen wir uns alle gut festhalten, denn durch den starken Seegang schlägt das RHIB immer wieder hart auf die Wellen. Wir werfen eine 70 kg schwere Puppe, unseren Dummy Oscar, ins Wasser. „Person over board!“ Nach einer kleinen Runde steuern wir Oscar an, vorsichtig ohne ihn zu rammen. Bäuchlings über den Rand des Bootes liegend, greifen wir ihn zu zweit, halten ihn unter den Achseln. „One, two, lift!“ und ziehen ihn wieder heraus. Er liegt klatschnass und schlaff auf dem Boden unseres Bootes, und nun beginnt seine „Reanimation“.

Rettungsübung an Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Rettungsübung an Bord 2
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Humanity 1 Schiff
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Rettungsübung bei Nacht
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Rettungsübung bei Nacht 2
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Besprechung an Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Schnellboot
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Zurück auf der Humanity 1 geht es weniger dramatisch zu, ich bekomme einen Einblick in die Brücke. In diesem hochgelegenen, Raum mit Rundumblick befindet sich der Arbeitsplatz des Kapitäns. Joachim fährt nicht nur seit Jahrzehnten zur See, er war sogar als Kadett vor rund 20 Jahren auf diesem Schiff, als es noch Poseidon hieß und von Kiel aus auf Forschungsmission unter anderem im Schwarzen Meer unterwegs war. Die Brücke ist ebenso der Arbeitsplatz des Ersten und Zweiten Offiziers, Joshua und Spencer, aber auch des Menschenrechtsbeobachters von SOS Humanity. Diese Position ist diesmal von einem Ehrenamtlichen besetzt. Levin ist 29, hat Politik studiert und beschäftigt sich schon seit Anfang seines Studiums mit der humanitären Krise im Mittelmeer. „Bis jetzt habe ich mich nur theoretisch mit der Situation von Geflüchteten im Mittelmeer auseinandergesetzt“, erzählt er mir. „Jetzt habe ich endlich die Chance, aktiv zu helfen.“

Levins Aufgabe ist es, vor, während und nach einer Rettung zu dokumentieren. Er schreibt auf, wer wann wie einen Seenotfall meldet, notiert die Position des Bootes und alle Details, die wir hierzu bekommen. Die Uhrzeit der Meldung wird festgehalten, ebenso unsere eigene Position. Er unterstützt den Kapitän bei der Kommunikation, die bei einer Rettung vor allem per E-Mail geführt wird.

Nicht nur Beginn und Ende der Rettung müssen gemeldet werden. Levin notiert die Informationen, die unser Such- und Rettungskoordinator Dragos über das Funkgerät, das jede*r von uns am Körper trägt, beim Erstkontakt mit den Flüchtenden durchgibt. Wie viele Menschen sich ungefähr auf dem Boot befinden, Männer, Frauen, Schwangere, Kinder, Babys, sowie Verletzte, Kranke, Bewusstlose oder Tote. Diese Informationen, die Levin über sein Funkgerät mithört, fließen umgehend in die Meldungen an alle zuständigen Behörden. Levin bereitet diese E-Mails vor, die der Kapitän an die Rettungsleitstellen schickt, sobald wir ein Boot in Seenot sichten oder uns eines zum Beispiel durch die zivile Notruf-Hotline für Flüchtende, Alarm Phone, gemeldet wird. Dabei werden verschiedene Stellen, wie unter anderem das Auswärtige Amt in Berlin, in Kopie gesetzt, denn wir fahren unter deutscher Flagge. So können sie den gesamten Verlauf einer Rettung nachvollziehen. Die Leitstellen sind für die Koordination einer Rettung in ihrem Rettungsgebiet zuständig, auch wenn sie dieser Verpflichtung oft nicht oder nur unzulänglich nachkommen. Wir müssen sie über jeden Schritt, den wir rund um eine Rettung unternehmen, informieren.

Human Rights Observer on Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Unser Menschenrechtsbeauftragter ist auch an Bord, um mögliche Rechtsbrüche oder Unterlassungen einzelner Behörden zu dokumentieren und Belege hierfür zu sammeln. Wenn die Rettung abgeschlossen ist, bereitet Levin den „Maritime Incident Report“ vor, der alle Phasen chronologisch listet und mit allen Details beschreibt. Dieser muss innerhalb von 24 Stunden an alle relevanten Behörden gesendet werden.

Ein weiterer wichtiger Teil von Levins Arbeit ist eine Umfrage unter den Geretteten, sobald diese an Bord sind. Dazu haben wir einen Fragebogen entworfen, mit dem aufschlussreiche Daten erhoben werden: Woher die Menschen kommen, was ihr Fluchtgrund ist, ob und wie lange sie in Libyen interniert waren, ob und wie oft sie die Flucht über das Mittelmeer bereits versucht haben und vieles mehr. Diese Fragebögen werden anonym ausgefüllt, wir verteilen sie auf Englisch, Französisch und Arabisch, die Teilnahme ist freiwillig.

Levins Tätigkeit an Bord findet zunächst vor allem auf der Brücke vor dem Computer statt, später, wenn Gerettete an Bord sind, wird er viel bei ihnen an Deck sein. „Weil die EU ihrer Verantwortung zur Seenotrettung nicht nachkommt, braucht es NGOs wie SOS Humanity“, stellt er fest. „Ich bin sehr froh, bei diesem Einsatz dabei zu sein. Ich hoffe, dass die Dokumentation von der Humanity 1 insgesamt zu einer politischen Veränderung der humanitären Lage auf dieser tödlichen Mittelmeerroute beitragen kann.“

 

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