Blog von Bord 06

crew member passing on life vests
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Während des Wartens auf einen sicheren Ort, erzählt ein 18-jähriger Überlebender seine bedrückende Geschichte. Pressesprecherin Petra berichtet direkt von der Humanity 1.

Donnerstag, 27. Oktober 2022, Mittelmeer

Heute beginnt für die meisten der rund einhundert unbegleiteten Minderjährigen auf der Humanity 1 der dritte Tag an Bord unseres Rettungsschiffes. Am Montagnachmittag konnten wir sie in einem komplizierten Einsatz aus einem völlig überbesetzten Schlauchboot in internationalen Gewässern retten. Bei uns an Bord angekommen, brauchen sie lange, um zur Ruhe zu kommen. Noch am Montagabend duschen sie, es wird viel Tee getrunken. Dabei wirken sie aufgewühlt und diskutieren aufgeregt miteinander. Während ich die letzten Registrierten mit ihrem Rescue Kit und der Decke in Empfang nehme, fällt mein Blick die Jugendlichen, die vor den Duschen warten, mit freien Oberkörpern. Einer von ihnen hat viele Narben auf dem Rücken. Das war kein Unfall, geht es mir durch den Kopf, sondern Gewaltanwendung, gezielte, wiederholte. Mir verschlägt es den Atem – sie sind so jung!

Bei meiner „Deck-Watch“, der Nachtwache, für die ich von 24:00 – 2:00 Uhr eingeteilt bin, sind die meisten noch wach und reden in kleinen Gruppen. Einige bitten um Zucker für den Tee. Dabei haben wir ihn schon so stark gesüßt, dass wir ihn selbst nicht mehr mögen. Immer wieder kommt einer der Jugendlichen und klagt über Schwindel oder Kopfschmerzen, auch Bauchschmerzen kommen vor. Wir haben eine kleine Nachtapotheke im Tea-Room, jede ausgehändigte Paracetamol-Tablette o.ä. wird mit der Nummer auf dem Armband jedes Geretteten in einer Liste notiert.

a finger is pointing to the horizon
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
doctors appointment on board
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
a doctor helping the rescued
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
food is placed on plates
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Ich schaue nach den drei jungen Frauen, die wir gerettet haben, und dem sieben Monate alte Baby im Women Shelter. Sie scheinen sehr glücklich über ihren eigenen, geschützten Raum. Die Mutter des Säuglings ist erst 17 Jahre alt. Sie kann nicht mehr stillen. Unsere erfahrene Krankenschwester Guiseppina, ein 75-jähriges Energiebündel aus Italien, hat zuvor ein Fläschchen mit Babynahrung zubereitet. Die Kleine trinkt die Milch gierig. Guiseppina erklärte der jungen Mutter, dass sie weiter versuchen soll zu stillen, dass die Muttermilch vielleicht wieder kommt, wenn sie zur Ruhe kommt.

Viele der unbegleiteten Minderjährigen, die bei uns an Bord sind, kommen aus Gambia. Auch Buba* kommt aus Gambia. Er kann an diesem späten Abend nicht einschlafen und erzählt mir von seinen Erlebnissen. Es sind bedrückende Geschichten aus Libyen von Ausbeutung, willkürlicher Verhaftung und zutiefst unmenschlichen Bedingungen in den Lagern. Dass die sogenannte libysche Küstenwache auftauchte, als wir gerade mit der Rettung beginnen wollten, hat ihn und viele andere auf dem Schlauchboot in Panik versetzt. Tatsächlich wurde der Rettungsablauf erheblich erschwert, weil die Menschen in ihrer Angst nicht Ruhe bewahren und auf unsere Anweisungen hören konnten. So fielen einige ins Wasser – zum Glück aber erst, als sie die von uns verteilten Rettungswesten trugen. „I was mad“, sagt Buba entschuldigend. Es sei sein dritter Fluchtversuch über das Mittelmeer, berichtet er, dabei ist er erst 18 Jahre alt. Bei den vorhergehenden Versuchen sei er jedes Mal von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen und interniert worden. „I am so glad you rescued me, I could stay on this ship forever“, sagt er, zuckt die Achseln und lächelt.

legs from rescued people on a rubber boat
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Dann erzählt er mir, was für mich neu und schockierend ist: In der Nacht vor der Rettung sind einige Menschen von dem Schlauchboot ins Wasser gefallen sind. Der Schlauch, auf dem sie rittlings saßen, habe Luft verloren. Vielleicht sei jemand eingeschlafen, vermutet Buba, und habe die anderen mitgezogen. Etwa vier Personen haben sie trotz Dunkelheit wieder ins Boot ziehen können, sechs haben es nicht geschafft. Sie haben zusehen müssen, wie sie verschwanden.

Noch in dieser Nacht werden an Deck der Humanity 1 einige Überlebende eine kleine Trauerzeremonie für ihre Freunde und Angehörigen abhalten, die in der Dunkelheit in den Wellen ertrunken sein müssen.

Am nächsten Tag beginnt unser medizinisches Team mit den „Consultations“ in der Bordklinik. Außerdem durchläuft jede*r Gerettete einmal eine allgemeine medizinische Untersuchung. Über den Tag ist es recht ruhig an Bord, viele schlafen nun, da sie etwas zur Ruhe kommen. Die schwere Erschöpfung, unter der alle leiden, wird jetzt sichtbar. Die Ärztin Silvia und der Sanitäter Kai untersuchen einen nach dem anderen, alle Krankheiten, Verletzungen, oder andere Auffälligkeiten werden soweit möglich behandelt und dokumentiert – auch ältere Spuren von Gewaltanwendung. Wenn Silvia und Kai solche feststellen, weisen sie darauf hin, dass wir einen Psychologen an Bord haben, der zur Verfügung für vertrauliche Gespräche steht. In den nächsten Tagen wird Luca, Unser Mental Health Beauftragter, sehr viel zu tun haben. Ich bin froh, dass wir diese Stelle in der Crew geschaffen haben, und diese Möglichkeit psychologischer Betreuung genutzt wird. Wie traurig, dass sie überhaupt nötig ist.

*Name geändert, um die Identität des Geretteten zu schützen

 

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