Blog von Bord 07 – Teil 1

Frau bringt Geretteten italienisch bei
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

„Niemand konnte wissen, ob sie unsere Rettung verhindern wollten.“ Pressesprecherin Petra lässt die zweite Rotation der Humanity 1 noch einmal Revue passieren.

Donnerstag, 15. November 2022

Teil 1 – Leben an Bord

Natürlich war mir vor meiner Abreise aus Berlin vor sechs Wochen bewusst, dass die neue, rechte Regierung in Italien sich bald neue Maßnahmen ausdenken würde, um die zivile Seenotrettung zu behindern. Dass es so schnell kommen und ein derartiges Ringen geben würde, darauf war ich nicht vorbereitet – wir alle nicht.

Nachdem wir 180 Menschen aus drei Booten in Seenot am 22. und 24. Oktober in internationalen Gewässern gerettet hatten, machten wir uns für einige Tagen auf den Weg nach Norden, um die Geretteten an Land zu bringen. Am Tag nach der ersten Rettung von 45 Menschen auf einem Holzboot, denen nach vier Tagen auf See das Benzin ausgegangen war, schickten wir unsere erste Anfrage nach einem sicheren Ort für diese Geretteten an die relevanten Behörden. Es sollten 21 solcher offiziellen Anfragen werden, ohne dass uns ein sicherer Ort für alle zugewiesen worden wäre, bis zum Schluss nicht.

Die zweite Rettung von 113 Menschen auf einem überbesetzten Schlauchboot zwei Tage nach der ersten, war kompliziert. Sie war vor allem für die Flüchtenden stressig, weil die von der EU finanzierte libysche Küstenwache auftauchte. Niemand konnte wissen, ob sie unsere Rettung verhindern wollten. Wir hatten Glück, sie schauten nur zu – Panik hatten sie auf dem Schlauchboot dennoch ausgelöst.

 

Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Die dritte Rettung erfolgte am Abend desselben Tages: 22 durchnässte, frierende und verängstigte Menschen konnten wir von einem kleinen Schlauchboot holen. Wir hatten jetzt 180 Überlebende an Bord, von denen 105 unbegleitete Minderjährige waren. Alle waren in einem vulnerablen Zustand, alle mussten umgehend an einen sicheren Ort an Land gebracht werden. Wir wollten in den kommenden Tagen – es sollten mehr als zwei Wochen werden – so viel wie möglich für ihr Wohlbefinden tun. Das bedeutete, dass vormittags und nachmittags die Bordklinik mindestens für jeweils zwei Stunden geöffnet war und jede*r die Möglichkeit hatte unsere Ärztin und unseren Notfallsanitäter mit möglichen Leiden aufzusuchen. Gerade in den ersten Tagen klagten viele Gerettete über Schlaflosigkeit und diffuse Schmerzen. Wie gut, dass wir unseren Mental Health Specialist, unseren Experten für Mentale Gesundheit, an Bord hatten! Luca nutzte jedes Zeitfenster einer unbelegten Bordklinik, um die vertraulichen psychologischen Konsultationen abzuhalten. Er kam oft erst sehr spät abends zum Essen.

Nach dem Motto: Struktur gibt Halt, haben wir den typischen Tagesablauf an Deck für die Geretteten so organisiert:

Um 8:00 Uhr wird Frühstück ausgeteilt, das aus Nüssen oder Sesamriegeln besteht. Tee steht ohnehin Tag und Nacht zur Verfügung. Es folgt um 10:00 Uhr das Morgenmeeting mit allen, geleitet von unserem Care Coordinator David, dem Fürsorgebeauftragten an Bord. Er arbeitet mit dem Cultural Mediator Fares, unserem Experten für kulturelle Belange, zusammen, der immer auf Arabisch übersetzt, sowie einem recht gut Englisch sprechenden Pakistani aus den Reihen der Geretteten, der angeboten hat, auf Urdu zu übersetzten. Wir geben dabei bekannt, was wir tun, damit wir schnellstmöglich einen sicheren Hafen in Europa zugewiesen bekommen und bereiten die Menschen auf eine ungewisse Wartezeit vor, bitten Sie um Geduld. Hier können sie Fragen stellen oder Sorgen äußern. Auch in Einzelgesprächen wird in den folgenden Tagen immer wieder das Unverständnis geäußert, warum es so lange dauert, bis sie an Land dürfen. Ein arabischsprechender Überlebender bittet Fares nicht so nah an die Küste Siziliens zu fahren, die Lichter der Städte zu sehen würde ihn und die anderen zu sehr schmerzen.

Nach dem Morgenmeeting bieten wir ein wenig Sport an. Der Fotograf Max ist ein Naturtalent als Trainer für die Workout-Session, das kommt gut an. Allmorgendlich wird ein Barbershop aufgebaut: Die Männer rasieren sich gegenseitig, kämmen und schneiden Haare oder stutzen Bärte. Bei der Verteilung des Mittagessens lassen wir Musik laufen, grüßen jeden einzelnen bei der Übergabe des Tellers, fragen, wie es ihm geht, scherzen ein wenig.

Nachmittags steht Italienisch-Unterricht auf dem Programm: Unsere Bordärztin Silvia freut sich über die Abwechslung und ist hochmotiviert bei der Sache. Anschließend wollen viele ihre neu gelernten Worte und kleine Sätze direkt bei uns anwenden. Karten- und Brettspiele sowie Bücher sind verteilt worden. Die Musicbox steht zur Verfügung, muss aber geteilt werden: Über Bluetooth kann immer eine Gruppe ihre eigene Musik spielen, die einzelne auf dem Handy haben. Wir achten darauf, dass es gerecht zugeht.

Die Tagesstruktur endet mit dem Abendessen und dem Spülen und Abtrocknen der Tassen und Teller. Wir erledigen das an Deck, per Hand, immer im Team aus Crewmitgliedern und Freiwilligen. Das klappt gut und gibt wieder die Chance, ein bisschen zu reden. Ein minderjähriger Gambier erzählt mir, ich sähe genauso aus wie seine Tante. Ich frage, ob sie nett sei. „Sehr nett!“ High Five, wir lachen zusammen. Aber wir hören auch schlimme Geschichten. Ein Minderjähriger aus Gambia erzählt mir, sein älterer Bruder hätte ihn nach Libyen geholt, er hätte Arbeit gehabt. Doch dann wäre sein Bruder erschossen worden, einfach so. Der Junge wollte dann nur noch weg. Ein Sechzehnjähriger betont, er müsse aus Europa seine Mutter und seine kleinen Geschwister unterstützen, der Vater sei tot. Das ist alles, was er vom Leben will, denn die Mutter sei das Wichtigste.

 

 

Essensausgabe an Deck
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Sport an Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Tafel mit italienischen Wörtern
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity
Essen an Deck mit Sonnenuntergang, zwei Personen
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Wie schnell sich Verbindungen zwischen Geretteten und Crew aufbauen! Mehr und mehr kennen wir beim Namen, und sie kennen unsere. Als ich mit einem Exemplar unseres Jahresberichts an Deck komme, um meine Arbeit besser erklären zu können, wird er mir förmlich aus der Hand gerissen. Das Interesse ist riesig, obwohl wir den Bericht 2021 nur auf Deutsch vorliegen haben. Manchmal sprechen wir einfach über das Leben in Gambia oder das in Deutschland, über Gott und die Welt. Dass ich nicht gläubig bin, kann eine Gruppe von Gambiern nicht fassen. Einer erklärt, er werde für mich beten, sie würden ohnehin alle jeden Tag für uns Crewmitglieder beten. Ich bin gerührt, das war mir nicht bewusst, als ich sie, meist in kleinen Gruppen, beten sah.

Es macht sich eine infektiöse Erkältungskrankheit breit unter den Geretteten, und trotz des FFP2-Maskentragens auch unter der Crew. Alle werden in der Bordklinik zum Glück negativ auf das Coronavirus getestet. Es ist Ende Oktober, die Nächte werden kälter, vor allem der Wind. Wir schließen die Seiten des Achterdecks mit Planen, die wir vertäuen, manche Geretteten packen mit an. Wir verteilen eine zweite Decke für jeden, denn alle Geretteten schlafen ja im Freien auf dem Deck. Eine größere Kabine gibt es nur für Frauen und Kinder.

Nach fast zwei Wochen merken wir, dass die Menschen auf der Humanity 1 dünnhäutiger werden. Anfang November wird es zunehmend schwierig, sie um Geduld zu bitten. Diese Geduld würde bald für eine Gruppe von 35 Männern ganz besonders auf die Probe gestellt werden.

 

← letzter Blogbeitrag                                                                                                                                                           nächster Blogbeitrag →

Newsletter Abonnieren

    Kontakt

    SOS Humanity
    Postfach 440352
    12003 Berlin

    kontakt@sos-humanity.org
    +49 3023525682

    Spendenkonto

    SOS Humanity –
    SOS Mediterranee
    Deutschland e.V.

    IBAN: DE04 1005 0000 0190 4184 51
    BIC: BELADEBEXXX

    Transparenz

    Copyright 2022 – SOS Humanity