Blog von Bord 07 – Teil 2

Till Pressekonferenz
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

„Es war der Auftakt eines dreitägigen Medienhypes rund um SOS Humanity, einer kleinen NGO, die sich der Anweisung eines Dekrets der neuen Regierung widersetzen sollte.“ Pressesprecherin Petra lässt die zweite Rotation der Humanity 1 noch einmal Revue passieren.

Donnerstag, 15. November 2022

Teil 2 – Im Scheinwerferlicht der italienischen Presse und der Weltöffentlichkeit

Wir liegen nun im Hafen von Burriana an der spanischen Ostküste, wo die neue Crew an Bord geht. Die zweite Einsatzrotation der Humanity 1 ist beendet und die dritte beginnt. Was wir in der vergangenen Woche erlebt haben, war ein immenser Ansturm der Medien auf uns als relativ kleine NGO, aber auch auf andere Seenotrettungsorganisationen. SOS Humanity war die erste NGO, die von den neuen Maßnahmen gegen NGO-Schiffe von Italiens Ministerpräsidentin Meloni betroffen war. Darüber wollten vor allem die italienischen Medien, aber auch internationale Leitmedien ausführlich berichten. Folgendes war passiert:

Während wir in internationalen Gewässern vor Sizilien auf die Zuweisung eines sicheren Ortes für die nach einer medizinischen Evakuierung eines Jugendlichen nunmehr 179 Geretteten an Bord warteten, kündigte sich für Freitag, den 4. November, ein schwerer Sturm an. Auf der Wetterkarte konnten wir sehen, dass die Bucht von Catania Schutz vor dem starken Wind und den hohen Wellen bieten würde. Normalerweise ist es selbstverständlich, dass Schiffe bei Sturm in Küstennähe, also in Territorialgewässern, Schutz suchen. Wegen der sensiblen Situation zog es Kapitän Joachim jedoch vor, das mit dem Hafenmeister in Catania abzusprechen. Der gab grünes Licht, allerdings mit der Einschränkung, nicht näher als sechs Seemeilen an die Küste zu fahren. Am Samstagabend kam dann die überraschende Aufforderung vom Italienischen Maritimen Koordinierungszentrum (ITMRCC) in den Hafen von Catania einzufahren. Das war aber keine Zuweisung eines sicheren Ortes: Am Tag zuvor hatte der Kapitän ein Dekret erhalten, mit dem ihm verboten worden war, sich länger in Territorialgewässern aufzuhalten als für die Ausschiffung ausschließlich von Menschen in einer Notlage an Bord nötig. Es war von drei Ministern unterschrieben worden. Ohne zu wissen, was auf uns zukam, folgte der Kapitän der Anweisung, Catania anzufahren. Die Geretteten wurden informiert. Beim Einlaufen konnten wir sehen, dass alles für die Ausschiffung der Geretteten vorbereitet war. Das Rote Kreuz war mit zahlreichen Mitarbeiter*innen vertreten, auch das Gesundheitsministerium, ein paar Vertreter*innen von humanitären Organisationen und zwei Oppositions-Politiker*innen. Vier Krankenwagen waren vor Ort und zwei Busse – sie würden nicht für 179 Menschen reichen.

Zwei Menschen umarmen sich vor der Humanity 1
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Der Anfang der Ausschiffung lief problemlos und wie immer: Zunächst, als vulnerabelste Gruppe, gingen die unbegleiteten Minderjährigen von Bord, darunter auch die drei jungen Frauen und das Baby. Dann wurde der Prozess unterbrochen. Zwei Mitarbeiterinnen vom Gesundheitsministerium kamen an Bord, ließen unsere Ärztin holen und machten im Handumdrehen aus der Bordklinik einen Selektionsraum. Es war mitten in der Nacht. Die Atmosphäre war gespenstisch, keiner an Deck sprach ein Wort. Alle paar Minuten öffnete sich die Tür der kleinen Klinik, ein Geretteter kam heraus, rund jeder zweite musste sich wieder auf das Deck setzten, der andere durfte das Schiff verlassen. Es herrschten Verwirrung und Sprachlosigkeit. Es war ein willkürlicher, unwürdiger Selektionsprozess. Die Crew war deprimiert und hilflos, wir konnten nichts tun.

Ich lief noch im Dunkeln an die Absperrung des Piers 24, an dem die Humanity 1 lag, um zu sehen, ob dort bereits Medienvertreter*innen auf Neuigkeiten warteten. Auf einmal blitzten zahlreiche Kamerascheinwerfer auf, und Mikrophone wurden mir vorgehalten. Die Journalist*innen hatten meine Crewkleidung mit dem SOS Humanity-Logo erkannt. Etwas überrumpelt und geblendet beschrieb ich die aktuelle Lage. Es war der Auftakt eines dreitägigen Medienhypes rund um SOS Humanity, einer kleinen NGO, die sich der Anweisung eines Dekrets der neuen Regierung widersetzen sollte.

Am frühen Morgen war der Ausschiffungsprozess abgeschlossen, die Busse, Krankenwagen und zahlreichen Mitarbeiter*innen in ihren Autos fuhren davon. Nun war es unsere Aufgabe, den verbliebenen 36 Menschen zu erklären, dass Italien sie nicht an Land lassen will, weil sie „gesund“ seien, und keine „Emergency Conditions“, Notfallerscheinungen, hätten. Unsere Ärztin musste sich erst einmal geschockt zurückziehen. Später erklärte sie, zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie bereut, Menschen gesund gepflegt zu haben. Einer der Seenotüberlebenden erlitt in seiner Verzweiflung einen Zusammenbruch und kam nicht wieder zu sich, er musste mit dem Krankenwagen abgeholt werden.

Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Uns war sofort klar, dass wir uns gegen das illegale Dekret wehren würden, das uns die sofortige Rückkehr in internationale Gewässer auferlegte – ein klarer Bruch internationalen Seerechts und ein widerrechtlicher Pushback. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention, die Italien unterschrieben hat, dürfen Flüchtende nicht in Staaten zurückgeführt werden, in denen ihnen Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Jedem Menschen steht das Recht auf eine individuelle Schutzprüfung zu.

Im Handumdrehen bereitete SOS Humanity zwei juristische Eilverfahren vor. Am Wochenende hatten wir den 35 Geretteten einen Rechtsbeistand organisiert. Rechtsanwalt Riccardo Campochiaro unterrichtete die Menschen an Bord über ihren Anspruch auf internationalen Schutz. Am Zivilgericht in Catania wurde bereits am Montag der Antrag auf Asyl für 35 Menschen an Bord gestellt. Parallel wurde unsere Berufung gegen das Dekret beim Verwaltungsgericht in Rom vorbereitet. Erst nachdem die Mehrheit der Geretteten einen Hungerstreik ausgerufen hatten, und nach vielen Solidaritätsbekundungen aus der italienischen und internationalen Zivilgesellschaft sowie unzähligen Interviews mit der Italienischen, deutschen und internationalen Presse wurden die Menschen endlich von Bord gelassen. Die Freude und die Erleichterung waren immens. Was für ein Glücksmoment, als alle 35 Geretteten in dem Bus saßen. Es war ein sehr emotionaler Abschied, den wir alle so schnell nicht vergessen werden.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages sind wir zügig aufgebrochen, um wieder internationale Gewässer zu erreichen. Nun sind wir in Burriana, Spanien, angekommen, füllen unsere Vorräte auf und tauschen die Crew aus. Denn so schnell wie möglich wollen wir wieder im zentralen Mittelmeer sein, wo weiter Menschen auf der Flucht in Seenot geraten. Sie haben einen Anspruch auf Rettung und das Recht, an einem sicheren Ort an Land zu gehen. Wir werden weiter alles tun, damit sie dieses Recht bekommen. Ich bin froh, dass ich in diesen sechs Wochen an Bord der Humanity 1 sein konnte.

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