Petra, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an Bord der Humanity 1

Pressereferentin an Bord
Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Zwei Wochen auf See, 180 gerettete Flüchtende und eine dramatische Rettung, die die sogenannte libysche Küstenwache fast verhindert hätte. In dem am Freitag, den 6. Januar 2023, erschienen Beitrag auf Focus Online berichtet unsere Pressereferentin Petra über ihre Erfahrungen mit Geretteten als Crewmitglied an Bord der Humanity 1 im Oktober/November 2022:

Über einhundert unbegleitete Minderjährige hatten wir aus drei Booten in Seenot im Mittelmeer gerettet und an Bord unseres Rettungsschiffes Humanity 1 gebracht. Sie bildeten den größten Teil der insgesamt 180 Geretteten, die wir an Deck versorgten. Die überwiegend jugendlichen Geretteten wirkten auf mich an Bord zunächst wie eine große Gruppe, fremd und scheu. Dann wurden sie schnell zu individuellen Menschen, die uns ans Herz wuchsen. Jeder war anders, jeder hatte seine eigene Geschichte, seine persönlichen Ängste, Hoffnungen und Träume. Ich hätte mir zuvor nicht vorstellen können, dass in zwei Wochen auf einem Schiff, auf dem 180 Menschen von einer 29-köpfigen Crew mit dem Notwendigsten versorgt werden, so viel zwischenmenschliche Bindung stattfinden kann.

Zutiefst bedrückende Erfahrungsberichte aus Libyen

Nach fast drei Jahren bei der Seenotrettungsorganisation SOS Humanity ging ich Anfang Oktober in Palermo auf Sizilien erstmals als Crewmitglied an Bord unseres Rettungschiffes. Nun konnte ich all das selbst erleben, worüber ich als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit viele Texte verfasst und Interviews gegeben hatte. Zwei Wochen lagen wir zunächst im Hafen und trainierten, praktisch und theoretisch, den Ablauf von Rettungen aus Seenot wie auch den Umgang mit den Menschen, die wir retten. Denn sie haben häufig für uns unvorstellbar Schlimmes erlebt, auf ihrer Odyssee, die in Libyen endet. Und vor allem in den libyschen Gefängnissen und Internierungslagern, in die sie als Flüchtlinge gesteckt wurden. Von dort sind sie über die todbringende Mittelmeerroute Richtung Europa geflohen.

 

Gerettete verabschieden sich von der Crew. Photo: Max Cavallari / SOS Humanity

Die meisten der Jugendlichen, die bei uns an Bord waren, konnten wir am Nachmittag des 24. Oktobers in einem dramatischen Einsatz aus einem völlig überbesetzten Schlauchboot retten, das bereits Luft verlor. Auch der achtzehnjährige Buba* aus Gambia war auf diesem Boot. Er war in der ersten Nacht an Bord der Humanity 1 so aufgewühlt, dass er nicht schlafen konnte. An Deck, auf einer schmalen Bank an der Reling, begann er zu reden. Es waren Fragmente bedrückender Erfahrungen aus Libyen, die von Ausbeutung, Gewalt und zutiefst unmenschlichen Bedingungen in den Internierungslagern erzählten. Kurze Einblicke in das Grauen, das er jahrelang erlebt hatte. Willkürliche Verhaftung, Monate im Lager, tägliche Gewalterfahrung. Die Familie, die Geld schicken musste, damit er freikam. „Selbst meinem Feind würde ich nicht raten, nach Libyen zu gehen“, sagte er mir.

Sich wieder wie Menschen fühlen

Dreimal hatte Buba die riskante Flucht über das Mittelmeer versucht. Zweimal hatte die libysche Küstenwache ihn und die anderen Flüchtenden abgefangen und in die unmenschlichen Lager zurückgebracht. Beim dritten Mal kamen wir. Dass diese sogenannte libysche Küstenwache auftauchte, als wir gerade mit der Rettung beginnen wollten, hatte ihn und viele andere auf dem Schlauchboot in Panik versetzt. Die Rettung wurde erheblich erschwert, weil die Menschen in ihrer Angst nicht Ruhe bewahren konnten. So fielen einige ins Wasser – zum Glück aber erst, als sie die von uns verteilten Rettungswesten trugen. „Ich bin einfach durchgedreht“, sagte Buba entschuldigend. „Ich bin so froh, dass ihr uns gerettet habt, ich könnte für immer auf diesem Schiff bleiben”, erklärte er dann.

In den folgenden Tagen und Nächten hörten wir noch viele weitere schwer erträgliche Geschichten – und sie ähnelten sich alle. Viele Jugendlichen hatten bereits im Kindesalter, mit oft nur 14 oder wie Buba mit 15 Jahren, ihr Heimatland verlassen, um Arbeit zu finden. Doch aus „der Hölle Libyens”, wie alle sagen, gab es für sie keinen anderen Ausweg als die gefährlichste maritime Fluchtroute der Welt. 2022 sind dort mindestens 1.373 Menschen gestorben.

Unser ehrenamtlicher Psychologe Luca konnte den am schwersten Belasteten in langen Gesprächen ein wenig Last abnehmen. Die ebenfalls ehrenamtlich arbeitende Ärztin Silvia hat Krankheiten behandelt und Verletzungen versorgt, bei manchen entdeckte sie Spuren von Folter. Wir waren froh, dass diese jungen Menschen aus insgesamt elf unterschiedlichen Nationen uns vertraut haben in den zwei Wochen, die wir zusammen auf einen sicheren Hafen warten mussten. Es war wichtig und schön, dass sie mit uns lachen und weinen konnten. Wir wissen nicht, wie es ihnen allen ergangen ist, nachdem sie in Italien von Bord gingen. Wir wissen aber, dass sie sich wieder wie Menschen fühlten.

 

*Name zum Schutz der Person geändert

Unter „Stimmen der Geretteten“ berichtet Buba ausführlich von seiner Flucht.

 

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