„Ich habe mein Baby verloren“: Ein Fußballer flieht vor Krieg und Gewalt

Hände eines Geretteten, im Hintergrund noch andere Menschen von hinten, sitzend an Bord der Humanity 1
Raphael Schumacher / SOS Humanity

Demsy* wollte Fußballspieler werden. Doch 2011 musste er aus der Elfenbeinküste fliehen. Er kam nach Tunesien, von wo er im Sommer 2023 mit einem Boot über das zentrale Mittelmeer floh. Dort kann ihn die Crew der Humanity 1 retten. An Bord erzählt er seine Geschichte und seine großen Zukunftspläne.

*Name geändert und Person nicht auf den Fotos abgebildet

Mein Name ist Demsy und ich komme aus der Elfenbeinküste. Dort habe ich Fußball für einen Erstligisten in Abidjan gespielt. Ich trainierte mit ihnen, als der Krieg begann. Die Situation war chaotisch, es gab Morde, Schüsse. Wir mussten aus dem Land fliehen. Ich bin also eigentlich ein Kriegsflüchtling.

Im Jahr 2011 habe ich das Land mit einer Freundin verlassen. Sie war gerade zwölf Jahre alt. Ihre Eltern hatten weder Geld noch sonst irgendetwas, also gingen wir nach Tunesien. Ich lebte vier oder fünf Jahre lang in Tunis, der Hauptstadt. Aus der Fußballkarriere ist nichts geworden. Es ist schwierig in Tunesien, mit dem Papierkram. Also ging ich mit meinen Freunden arbeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen, um mich zu verteidigen.

Tunesien hat mir eine Menge Probleme bereitet. Sie gewähren kein Asyl, man bekommt keine Aufenthaltsgenehmigung, nichts. Wenn man nach Tunesien kommt, spucken sie einen an, nennen dich „N****“. Ich arbeite, ich werde ausgeraubt, mir wird mein Geld gestohlen, ich gehe zur Polizei. Aber die Polizei unternimmt nie etwas. Im Gegenteil, die Polizei ermutigt die Täter noch, weiterzumachen.

Zwischenzeitlich waren wir in Sfax, weil uns Tunis zu viele Probleme bereitet hat. Morgens ging ich zur Arbeit und abends wurde ich angegriffen. Sie spuckten mich an, griffen mich an. Es hatte alles keinen Zweck. Wenn man versucht zu telefonieren, kommen sie und reißen einem das Telefon weg. Wenn man sich wehrt, fangen die Tunesier an, auf einen einzuschlagen.

An einem Tag ging ich zum Fußballtraining. Meine Frau war schwanger, sie war zu Hause, und ich habe ihr gesagt, dass sie das Haus nicht verlassen darf. Die Tunesier bitten sie, herauszukommen. Sie sagt, mein Mann ist nicht da, ich kann nicht rausgehen.

Als ich zurückkam, hatten sie meine Frau geschlagen. Sie verprügelten sie, sie blutete am Unterleib, sie musste sich übergeben. Sie wurde niedergeschlagen, grundlos.

Meine Frau hat alle Beweise auf ihrem Telefon. Sie haben sie einfach verprügelt. Eine schwangere Frau.

Warten Sie, ich zeige Ihnen etwas auf meinem Handy. Es ist eine andere Frau. Sie ist schwanger, sie haben sie geschlagen, sie hatte eine Totgeburt. Sehen Sie das Blut? Sie ist schwanger, sie haben sie geschlagen. Es war in Sfax. Sie werden das Baby sehen. Es ist nicht meine Frau, aber es ist die gleiche Geschichte: In ein Haus wird eingebrochen, eine schwangere Frau wird geschlagen und die Polizei sagt nichts.

Wir gingen ins Krankenhaus. Doch die Ärzte sagten mir, es gäbe keinen Platz für sie.

Ich habe mein Baby verloren.

[Aufnahmepause]

Das war der Grund, weshalb ich mit meiner Frau Tunesien verlassen habe. Außerdem wurden wir von der tunesischen Polizei gejagt. Wenn sie dich erwischen, schicken sie dich in die Wüste.

Ich ging mit meiner Frau in den Busch, in die Olivenhaine. Dort haben wir uns vier Tage lang versteckt, mit nichts als Keksen, bis die Polizei abzog. Ich habe nichts gegessen.

Braunes, leeres Metallboot im Wasser bei Nacht.
Raphael Schumacher / SOS Humanity

Da rief mich ein Freund an und sagte: Komm, wir gehen nach Italien, wenn wir auf ein Boot kommen.

Ich dachte: Es gibt überall Risiken. Es ist nicht legal. Aber was sollte ich denn tun? Wenn ich hier bleibe, werden sie mich umbringen. Also muss ich an Bord gehen, um zu sehen, ob ich nach Italien kommen kann.

Also haben meine Frau, mein Freund und ich Sfax verlassen. Insgesamt waren wir 45 Leute. Wir haben zusammengelegt, um das Boot zu bezahlen.

Wir sind am Montagmorgen losgefahren, um sieben oder acht Uhr. Auf dem Boot war es nicht einfach. Denn es gibt eine Menge gefährlicher Wellen. Jeder weiß, dass es sehr riskant ist. Normalerweise sollte kein Mensch auf einem dieser Metallboote sein. Aber angesichts der Lage im Land hatten wir keine Wahl. Am Dienstag, um zwei oder drei Uhr nachmittags, hat uns die Crew der Humanity 1 gefunden.

Für die Zukunft habe ich große Pläne. Ich bin Fußballer, ich habe früher in der ersten Liga gespielt. Wenn man mich spielen sieht, kann man sofort erkennen, dass ich ein Profi bin. Ich habe mich mit Champions gemessen. Ich bin Stürmer, ich kann auf der linken oder rechten Seite spielen.

Ich würde gerne wissen, ob es Leute gibt, die mir helfen können – mir und meiner Frau, die Friseurin ist. Ich würde gerne einen Verein finden, bei dem ich ein paar Probetrainings absolvieren kann. Ich würde gerne nach Deutschland gehen. Das ist mein Traum.

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