Zwischen Angst und Hoffnung – Elli über einen Rettungseinsatz der Humanity 1
Elli, 34 Jahre alt, war im Oktober 2025 mit der Humanity 1 im Rettungseinsatz.
Trigger Warnung: sexualisierte Gewalt
Die Frau saß wie erstarrt am Rand des Schlauchbootes, ihre Augen starrten leer. Panik umgab sie, Menschen kletterten übereinander. Ein Baby weinte, es klang wie ein schriller Schrei eines Erwachsenen. Schrill und um sein Leben schreiend. Das Boot bog sich im Meer wie ein Blatt Papier und stieß die Menschen hin und her. Alle zehn Sekunden verlor ich aufgrund der hohen Wellen und des Chaos den Blickkontakt zu ihr. Ich verlor sie völlig aus den Augen und hoffte, dass sie irgendwo unter den Überlebenden war.
Die Stunden vergingen wie Minuten – es ist so viel passiert. Ein medizinischer Notfallplan wurde aktiviert. Alle Überlebenden litten unter Unterkühlung und Dehydrierung. Niemand konnte selbstständig stehen, mehr als die Hälfte war gar nicht in der Lage zu laufen. Wir gaben Tee, Decken und Wärmflaschen aus und stellten sicher, dass Menschen wie Omar, die immer wieder bewusstlos wurden, noch atmeten. Währenddessen schlugen die Wellen gegen den Bug, alle halbe Minute ein kurzer freier Fall, bei dem die Organe für einen Moment im Brustraum stecken blieben. Der Horizont war nicht mehr horizontal.
Endlich konnte ich einfach ihre Hand halten
Endlich hatte ich Zeit, um nach ihr zu sehen. Als ich Raja* (Name geändert) ansprach, lächelte sie mich an. Sie war eine der wenigen, die saß. Ich hielt ihre Hand: „Wie geht es dir?“, fragte ich. „Gut“ antwortete sie. Wir sprachen beide gebrochenes Arabisch. Nach einer Weile – ich weiß nicht, wie lange – konnten wir sie und die Mutter mit dem Baby endlich in den Frauenschutzraum bringen. Aber sie war immer noch zu schwach, um zu duschen. Sie lag im Bett und schloss die Augen, während das Baby aufgrund seiner durch das Salzwasser-Benzingemisch verätzten Haut schrie. Ich half der Mutter die Windel anzuziehen. Es dauerte noch mindestens weitere fünf Stunden, bis die medizinischen Notfälle evakuiert werden konnten und so auch die Mutter und ihr kleiner Sohn. Es war plötzlich bedrückend still im Women Shelter. Aber endlich hatte ich Zeit, einfach Rajas Hand zu halten und neben ihr zu sitzen.
Verstehend ohne Worte
In dieser Nacht schlief ich nicht und immer wieder schaute ich nach Raja. Am nächsten Tag nahm sie meine Hand, legte sie auf ihre Narbe am Oberarm und sagte nur: „Libyen. Männer.“ Die Narben auf ihrem Arm zeigten, wie Finger sich in ihre Haut gegraben hatten. In meinen Kopf kamen die Bilder wieder hoch und dieses Gefühl, als ich selbst von einem Mann gewaltsam festgehalten und auf den Boden gedrückt wurde. Aber ich konnte entkommen, sie nicht. Die Vorstellung, was sie in Libyen durchgemacht haben muss, schmerzt. Sie nahm meine Hand und berührte damit die anderen Narben, ohne Worte, aber uns gegenseitig verstehend…
Der schwere Moment
Wann immer ich die Gelegenheit hatte, ging ich in den Women Shelter. Raja konnte nichts essen. Als es Zeit war vom Schiff zu gehen, saß ich neben ihr, hielt ihre Hand, während sie ihren Kopf an meine Schulter lehnte. Rajas Kopf fühlte sich so schwer an, es gab mir einen Stich ins Herz, aber ich war froh in diesem Moment genau hier zu sein.
Als die italienischen Behörden an Bord kamen bemerkte ich, dass ich woanders gebraucht wurde. Raja auf dieser Bank zurückzulassen, war einer der schwierigsten Momente für mich.
Der Grund, warum man mich wegrief, war, dass ich Fotos von den beiden verstorbenen Menschen machen sollte. Ich musste sie auf der Bank zurücklassen, um ein Foto von Menschen zu machen, die aufgrund der EU-Politik ihr Leben verloren haben. Voller Wut stand ich auf und dachte: Wenn alle Menschen auf diesem Schiff sie sterben sehen mussten, dann sollten auch die europäischen Politiker*innen das sehen – selbst wenn es nur ein Foto ist.
Die EU unterstützt das System von Missbrauch und Vergewaltigung
Ich wusste, dass es Raja gut gehen würde, sie hatte schon so viel erlebt und es waren andere Crew-Mitglieder da. Aber ich wollte ihr eine Schulter zum Anlehnen geben, eine kleine Pause von der Welt bieten.
Ich kam so schnell wie möglich wieder zurück, und nach kurzer Zeit wurde sie von Sanitäter*innen untersucht. Ich stellte mich vor sie und schütze sie vor Blicken, bis sie ihr Kopftuch wieder aufsetzen konnte. Ich brachte sie zur Gangway, umarmte sie und Raja ging in Italien an Land; Sie betrat die Europäische Union – dieselbe EU, welche die libyschen Akteure unterstützt, die dafür verantwortlich sind, Frauen in ein System von Missbrauch und Vergewaltigung zurückzuzwingen.