Über die Bedeutung geschlechtsspezifischer Fürsorge an Bord
Manchmal wünschte ich mir, Menschen könnten für einen kurzen Moment durch meine Augen sehen, wenn sie mich nach meiner Arbeit als Care Coordinator fragen. Der Film WHERE THE WAVES TOOK HER eröffnet euch genau diesen Blick.
Was nach vielen Rettungseinsätzen und den Begegnungen mit so vielen Menschen bei mir bleibt, sind die Gesichter von Frauen und Mädchen in dem Moment, in dem sie zum ersten Mal an Bord kommen. In ihren Augen liegt oft tiefe Angst: Unsicherheit, Erschöpfung und die Frage, ob sie nun wirklich in Sicherheit sind. Sie zittern vor Kälte, sind durchnässt und zeigen häufig sichtbare Schmerzen durch Treibstoffverbrennungen an Beinen und im Intimbereich.
Und dann verändert sich manchmal etwas – oft schon in den ersten Minuten oder Stunden an Bord. Ein Kind beginnt zu weinen, und mit der Erleichterung darüber, endlich in Sicherheit zu sein, erlaubt sich auch die Mutter zu weinen. Manchmal ist es eine Decke, eine Tasse Tee oder ein behutsames Gespräch. Die Anspannung lässt nach, das erste Lächeln erscheint, und erste Worte der Freude werden mit Weggefährtinnen und Freundinnen ausgetauscht. Es ist eine stille Veränderung, deren Kraft kaum in Worte zu fassen ist – und sie berührt mich jedes Mal aufs Neue.
Der Film fängt genau diese Momente ein: jene Augenblicke, in denen die Angst noch da ist, aber gleichzeitig etwas anderes zu entstehen beginnt – vielleicht die Möglichkeit, endlich wieder ausatmen zu können.
Warum eine Hebamme an Bord so wichtig ist
Wir wissen, dass heute etwa 1 % der Weltbevölkerung gewaltsam vertrieben ist – fast die Hälfte davon Frauen. Wenn wir auf die Überfahrten über das Mittelmeer blicken, werden diese Zahlen plötzlich konkret: Sie werden zu den Menschen, denen wir an Bord der Humanity 1 begegnen.
Die Erfahrungen von Frauen auf der Flucht sind durch besondere Risiken und Belastungen geprägt. Viele von ihnen fliehen bereits vor geschlechtsspezifischer Gewalt – etwa vor Zwangsheirat, weiblicher Genitalverstümmelung oder der Bedrohung durch Femizide. Diese Gefahren enden jedoch nicht mit der Flucht; im Gegenteil, sie verschärfen sich unterwegs häufig.
Hinzu kommt, dass Frauen häufig die Verantwortung für Kinder tragen – sie sind manchmal schwanger und haben oft keinen Zugang zu sicheren Räumen, Privatsphäre oder medizinischer Grundversorgung. Diese Faktoren führen entlang der gesamten Fluchtroute zu einer erhöhten Vulnerabilität, in der physische und psychische Gewalt immer wieder vorkommen.
Es ist wichtig, klar zu benennen: Fast alle Frauen, denen wir begegnen, haben Gewalt erlebt. Viele von ihnen haben auf ihrer Flucht schwere Gewalt erfahren, darunter auch sexualisierte Gewalt. Dies ist eine Realität, die wir nicht ignorieren dürfen. Sie prägt Erfahrungen, Bedürfnisse und die Form der Unterstützung, die notwendig ist. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, beide Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen: die Realität von Gewalt – und die Realität von Stärke, Würde und Resilienz.
Fürsorge an Bord muss bewusst gestaltet werden
Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass unsere Unterstützung sensibel und aufmerksam auf diese Realitäten eingeht. Unsere Betreuungsstruktur berücksichtigt, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, Erfahrungen und möglichen Traumata an Bord kommen. Das bedeutet auch, kontinuierlich zu hinterfragen, wie Fürsorge gestaltet werden muss. Viel zu oft wird die spezifischen Erfahrungen von Frauen sowie andere geschlechtsspezifische Perspektiven als nebensächlich behandelt.
Mit unserer Care-Arbeit an Bord wollen wir Räume schaffen, die Sicherheit, Privatsphäre und Würde ermöglichen. Genau deshalb ist eine Hebamme an Bord so essenziell: Sie konzentriert sich gezielt auf die Versorgung von Frauen, Mädchen und Kindern und sorgt dafür, dass ihre körperlichen und emotionalen Bedürfnisse wahrgenommen und auf sensible, informierte und würdevolle Weise begleitet werden.
Momente, die bleiben: Erinnerungen an Resilienz, Stärke und Würde
Was ich aus meiner Arbeit bei SOS Humanity mitnehme, sind die Momente der Stärke, die sich zwischen einem Rettungseinsatz und dem nächsten, zwischen Essensausgabe und medizinischer Evakuierung entfalten.
Vor der Ankunft in Italien halten wir an Bord immer Treffen ab, um den weiteren Ablauf zu erklären, Fragen zu beantworten und gemeinsame Aktivitäten vorzuschlagen. Bei einem dieser Treffen am Abend vor der Ausschiffung nahm eine Frau, Grace*, das Mikrofon und wandte sich an alle Menschen an Bord:
In diesem Moment zeigte sich etwas unglaublich Kraftvolles: Trotz allem, was sie erlebt hatte, dachte sie solidarisch, kollektiv – an die Verantwortung füreinander.
Es gibt auch besondere Momente im Schutzraum für Frauen – einem Bereich ausschließlich für Frauen, Mädchen und Kinder, zu dem Männer keinen Zutritt haben. Manchmal beginnen Frauen dort gemeinsam zu singen, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen – sei es Bambara, Französisch oder Englisch. In solchen Momenten verliert Sprache ihre Bedeutung. Mehr als einmal saß ich in diesen Kreisen, während Lachen, Rhythmus und Stimmen ineinanderflossen. Für einen Augenblick entsteht eine Verbindung, die über alles hinausgeht, was zuvor geschehen ist oder danach geschehen wird.
Und dann gibt es die Momente der Ankunft. Die Ausschiffung in einem italienischen Hafen ist oft nicht der Moment der Erleichterung, den viele sich vorstellen. Sie ist angespannt, von Unsicherheit geprägt, und am Pier sind zahlreiche Behörden präsent. Die Menschen treten erneut ins Ungewisse.
Ich erinnere mich an eine Frau während einer Ausschiffung, die an Bord sehr aktiv und voller Energie gewesen war. Als sie den Pier betrat, sagte sie laut: „Ich bin Masha.“ Ein so einfacher Satz – und doch wirkte er wie eine Bekräftigung. Als würde sie ihren Platz beanspruchen, ihre Identität, ihre Existenz – an einem Ort, an dem die Existenz von Menschen auf der Flucht so oft unsichtbar gemacht wird. Ich glaube, solche Momente sind wichtig, weil sie uns daran erinnern, dass die Frauen, denen wir begegnen, nicht nur durch das definiert sind, was ihnen widerfahren ist oder wozu unsere Regierungen sie erklären wollen.
Wenn wir die Erfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt stellen, verändert sich unser Blick auf Migration
Wenn wir die Erfahrungen von Frauen ins Zentrum stellen, fügen wir nicht einfach eine weitere Perspektive hinzu – wir verändern grundlegend, wie Migration verstanden wird. Denn plötzlich wird sichtbar, was sonst an den Rand gedrängt wird. Wir beginnen zu erkennen, wie stark diese Fluchtrouten von geschlechtsspezifischer Gewalt geprägt sind – nicht als Ausnahme, sondern als strukturelle Realität. Während Rettungseinsätzen auf See sehen wir die physischen Folgen der Grenzen, die oft unsichtbar bleiben: Frauen mit Treibstoffverbrennungen an den Beinen, Frauen, die Kinder tragen oder sie stundenlang über Wasser gehalten haben.
Doch Frauen und Mädchen fordern uns auch dazu auf, über das Leid hinauszublicken – und zu hinterfragen, wie Menschen wahrgenommen werden und wie Fürsorge gestaltet wird. Wir sehen, wie transformativ Räume sein können, in denen Frauen mit Würde behandelt werden: Räume, in denen sie sprechen, gehört werden und wieder ganz sie selbst sein können.
Wenn wir Frauen in den Mittelpunkt stellen, beginnen wir außerdem, Formen von Wissen und Widerstand wahrzunehmen, die oft übersehen werden: wie schnell Gemeinschaft entstehen kann, selbst über Sprachgrenzen hinweg, und wie Frauen einander schützen. Wir sehen, wie Solidarität etwas Gelebtes wird – nicht etwas Abstraktes.
Frauen in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet auch, neu darüber nachzudenken, wer als handelnde Person wahrgenommen wird. Frauen und Kinder werden häufig als „vulnerabel“ beschrieben. Doch was ich erlebe, ist etwas anderes: Sie sind Entscheidungsträgerinnen, Anführerinnen und Trägerinnen von Stärke. Sie halten Familien zusammen, schaffen selbst in instabilsten Situationen Momente der Fürsorge und beanspruchen ihre Identität – so wie Masha* es getan hat.
Und genau das zwingt uns in Europa dazu, über Verantwortung nachzudenken. Das Mittelmeer ist zu einem Raum des Traumas geworden, zu einem Massengrab – geprägt durch politische Entscheidungen und durch den Willen, Menschen auf der Flucht unsichtbar zu machen oder auf Zahlen zu reduzieren.
Wenn wir die Erfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt stellen, verschiebt sich die Erzählung von Migration weg von einer „Krise“, die verwaltet werden muss, hin zu etwas zutiefst Menschlichem und Komplexem. Es fordert uns auf, nicht nur zu sehen, wovor Menschen fliehen, sondern auch, was sie mit sich tragen: Stärke, Fürsorge, Wissen und die Fähigkeit, selbst unter unmenschlichsten Bedingungen Verbindung und Gemeinschaft entstehen zu lassen.
*Name zum Schutz geändert.