Gewalt gegen Frauen* auf der Flucht

Hands of two people
Elisabeth Sellmeier / SOS Humanity

Elli, 34 Jahre alt, war im Oktober 2025 mit dem Rettungsschiff Humanity 1 im Einsatz. Sie erzählt vom berührenden Kennenlernen einer Frau, die eine Flucht voller Gewalt erleben musste. 

Trigger Warnung: sexualisierte Gewalt 

Sie saß wie erstarrt am Rand des Schlauchbootes, ihre Augen starrten leer. Panik umgab sie, Menschen kletterten übereinander. Ein Baby weinte, es klang wie ein schriller Schrei eines Erwachsenen. Schrill und um ihr Leben schreiend. Das Boot bog sich im Meer wie ein Blatt Papier und stoß die Menschen hin und her. Alle zehn Sekunden verlor ich aufgrund der hohen Wellen und dem Chaos den Blickkontakt zu ihr. Ich verlor sie völlig aus den Augen und hoffte, dass sie irgendwo unter den Überlebenden war.  

Die Stunden vergingen wie Minuten – es ist so viel passiert. Ein medizinischer Notfallplan wurde aktiviert. Alle Überlebenden litten unter Unterkühlung und Dehydrierung. Niemand konnte selbstständig gehen, mehr als die Hälfte war gar nicht in der Lage zu laufen. Wir gaben Tee, Decken und Wärmflaschen aus und stellten sicher, dass Menschen wie Omar, die immer wieder bewusstlos wurden noch atmenden. Währenddessen schlug der Bug gegen die Wellen, alle halbe Minute ein kurzer freier Fall, bei dem die Organe für einen Moment im Brustraum stecken blieben. Der Horizont war nicht mehr horizontal.  

"Am nächsten Tag nahm sie meine Hand, lag sie auf ihre Narbe am Oberarm und sagte nur: ‚Libyen. Männer.’ Die Narben auf ihrem Arm zeigten, wie Finger sich in ihre Haut gegraben hatten".

Endlich konnte ich einfach ihre Hand halten

Endlich hatte ich Zeit, um nach ihr zu sehen. Als ich Raja* (Name geändert) ansprach, lächelte sie mich an. Sie war eine der wenigen, die saß. Ich hielt ihre Hand: „Wie geht es dir?“, fragte ich. „Gut“ antwortete sie. Wir sprachen beide gebrochenes Arabisch. Nach einer Weile – ich weiß nicht, wie lange – konnten wir sie und die Mutter mit dem Baby endlich in den Frauenbereich bringen. Aber sie war immer noch zu schwach, um zu duschen. Sie lag im Bett und schloss die Augen, während das Baby aufgrund seiner verbrannten und offenen Haut schrie. Ich half der Mutter die Windeln anzuziehen. Es dauerte noch mindestens weitere fünf Stunden, bis die medizinischen Notfälle evakuiert werden konnten und so auch die Mutter und ihr kleiner Sohn. Es war plötzlich bedrückend still in der Frauenunterkunft. Aber endlich hatte ich Zeit, einfach Rajas Hand zu halten und neben ihr zu sitzen.  

Verstehend ohne Worte 

In dieser Nacht schlief ich nicht und immer wieder schaute ich nach Raja. Am nächsten Tag nahm sie meine Hand, lag sie auf ihre Narbe am Oberarm und sagte nur: „Libyen. Männer.“ Die Narben auf ihrem Arm zeigten, wie Finger sich in ihre Haut gegraben hatten. In meinen Kopf kamen die Bilder in mir wieder hoch und dieses Gefühl, als ich selbst von einem Mann gewaltsam festgehalten und auf den Boden gedrückt wurde. Aber ich konnte entkommen, sie nicht. Die Vorstellung, was sie in Libyen durchgemacht haben muss, schmerzt. Sie nahm meine Hand und berührte damit die anderen Narben, ohne Worte, aber uns gegenseitig verstehend… 

Elisabeth Sellmeier / SOS Humanity

Ich war froh genau hier zu sein

Wann immer ich die Gelegenheit hatte, ging in in den Frauenbereich. Raja konnte nichts essen. Als es Zeit war vom Schiff zu gehen, saß ich neben ihr, hielt ihre Hand, während sie ihrem Kopf an meine Schulter lehnte. Rajas Kopf fühlte sich so schwer an, es gab mir einen Stich ins Herz, aber ich war froh in diesem Moment genau hier zu sein.  

Als die italienischen Behörden an Bord kamen bemerkte ich, dass ich woanders gebraucht wurde. Sie auf dieser Bank zurückzulassen, war einer der schwierigsten Momente für mich. Der Grund, warum man mich wegrief, war, dass ich Fotos von den beiden verstorbenen Menschen machen sollte. Ich musste sie auf der Bank zurücklassen, um ein Foto zu machen, von Menschen, die aufgrund der EU-Politik ihr Leben verloren haben. Voller Wut stand ich auf und dachte: Wenn alle Menschen auf diesem Schiff sie sterben sehen mussten, sollen auch die europäischen Politiker*innen das sehen – selbst wenn es nur ein Foto ist. 

Die EU unterstützt das System von Missbrauch und Vergewaltigung 

Ich wusste, dass es Raja gut gehen würde, sie hatte schon so viel erlebt und es waren andere Crew Mitglieder da. Aber ich wollte ihr eine Schulter zum Anlehnen geben, eine kleine Pause von der Welt bieten.  

Ich kam so schnell wie möglich wieder zurück, und nach kurzer Zeit untersuchten sie Sanitäter*innen. Ich stellte mich vor sie und schütze sie vor Blicken, bis sie ihr Kopftuch wieder aufsetzen konnte. Ich brachte sie zur Gangway, umarmte sie und Raja ging in Italien an Land; Sie betrat die Europäische Union – dieselbe EU, welche die libyschen Akteure unterstützt, die dafür verantwortlich sind, Frauen* in ein System von Missbrauch und Vergewaltigung zurückzuzwingen.