Rede von Laura Gorriahn – Vorstandsvorsitzende von SOS Humanity – zur Tauffeier der Humanity 1 | Berlin

Humanity 1 Tauffeier Berlin

Die feierliche Taufe der Humanity 1 am 19. August 2022 in Vinaròs, Spanien, wurde auch in Berlin gefeiert – zusammen mit, Partner*innen, Künstler*innen Unterstützer*innen, Freund*innen und Teilen des Teams von SOS Humanity.

Dass überhaupt ein Rettungsschiff getauft werden konnte und in wenigen Tagen in den lebensrettenden Einsatz geschickt wird, ist der Solidarität und dem Engagement vieler Partner*innen, Spender*innen, Unterstützer*innen, Freund*innen und den Teams an Bord sowie an Land zu verdanken. Dank gilt Sea-Watch und United4Rescue, die die Übergabe der ehemaligen Sea-Watch 4 an SOS Humanity ermöglicht, begleitet und unterstützt haben. Dank gilt auch dem Gründer, Kapitän und Historiker Klaus Vogel und seiner Frau Karin, die weiterhin für die zivile Seenotrettung einstehen. Außerdem bedanken wir uns bei Aeham Ahmad, Katja Riemann, und Heike Makatsch, die das Programm des Abends mitgestalteten und natürlich bei den vielen, ohne die unser zukünftiger Einsatz nicht möglich wäre. #TogetherForRescue

Zahlreiche Dankesworte richtete auch Laura Gorriahn, Vorstandsvorsitzende von SOS Humanity, an die vielen Unterstützer*innen. In ihrer Taufrede betonte sie aber auch, warum diese Unterstützung weiterhin so dringend notwendig ist – die gekürzte Fassung findet ihr in diesem Beitrag.

„Herzlich Willkommen an Sie und an euch alle, vielen Dank, dass ihr gekommen seid.

Wir feiern heute gemeinsam die Taufe der Humanity 1, die nächste Woche als Rettungsschiff in den Einsatz fährt, um Menschen aus Seenot zu retten. Die Crew für den ersten Einsatz befindet sich bereits in Selbstisolation im spanischen Vinaros, wo wir viele herzliche Grüße hinsenden. Bis zum Jahresende haben wir vier Rettungsrotationen geplant.“

Heute ist also ein Tag zum Feiern. Die Situation auf dem Mittelmeer und an den anderen europäischen Außengrenzen lädt aber nicht zum Feiern ein.

„Weil andere Fluchtrouten seit Jahrzehnten geschlossen werden und es kaum legale Fluchtmöglichkeiten gibt, ist das zentrale Mittelmeer als letzter Ausweg seit langem zu einer wichtigen Fluchtroute geworden.

Die Überfahrt ist extrem gefährlich. Allein in diesem Jahr sind bereits 1.079 Menschen ertrunken. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

Vor 7 Jahren wurde unsere Organisation unter dem Namen SOS MEDITERRANEE in Berlin gegründet. Seit 2016 waren wir zusammen im Verbund mit anderen europäischen Vereinen im Einsatz und konnten mit unseren Rettungsschiffen 34.631 Menschen vor dem Ertrinken retten.

Seit Anfang des Jahres heißen wir nun SOS Humanity – unter diesem neuen Namen treten wir weiterhin an, die dringend nötigen Rettungskapazitäten auf dem Mittelmeer zu erweitern. Wir wollen darüber hinaus die Öffentlichkeit über die Situation im Mittelmeer aufklären, Missstände und Rechtsbrüche dokumentieren und an Land darauf hinwirken, die europäische Migrationspolitik zu verändern.“

Denn die tödliche Situation auf dem Mittelmeer ist die Folge der europäischen Politik. Flüchtenden werden dort systematisch ihre fundamentalen Rechte verwehrt. Staatliche Akteur*innen, die eigentlich zur Rettung verpflichtet sind, arbeiten immer weiter daran, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen.

„Und nicht nur das. Die zivilgesellschaftlichen Initiativen wurden bei der Rettung zunehmend behindert, unsere Rettungsschiffe mehrfach von italienischen Behörden festgesetzt. Sie konnten dann meist monatelang niemanden retten – unter bürokratischen Vorwänden, aber aus klar politischen Gründen.

Immer öfter wird auch der Versuch unternommen, die Geflüchtete selbst für die tödlichen Folgen des Grenzregimes verantwortlich zu machen, indem die Flucht selbst kriminalisiert wird.“

Als Zivilgesellschaft nehmen wir es nicht hin, dass Menschen leiden und sterben müssen und sie keinen Zugang zu den grundlegenden Menschenrechten haben. Wir engagieren uns dafür, dass kein Mensch mehr auf der Flucht ertrinken muss und wir treten dafür an, die menschenverachtende Migrationspolitik zu verändern.

Der Name, den wir uns Anfang dieses Jahres neu gegeben haben, lautet SOS Humanity. Er verweist darauf, dass die Menschlichkeit ständig in Gefahr ist. Auf dem Mittelmeer und an den anderen europäischen Außengrenzen geraten Menschen immer wieder in Notsituationen, in deren Folge viele den Tod finden.

Mit der Taufe unseres Schiffes auf dem Namen Humanity setzen wir auch symbolisch ein Zeichen für die Menschlichkeit, für die wir uns mit dem Schiff auf dem Mittelmehr einsetzen.

Der englische Begriff Humanity hat noch weitere Bedeutungen. Neben der Menschlichkeit kann er auch „Menschsein“ und „Menschheit“ bedeuten.

Im Bereich der Politischen Theorie, in dem ich als Wissenschaftlerin arbeite, hat insbesondere Hannah Arendt den politischen Sinn von Menschheit ausgedeutet.

Zentral für Arendts Denken ist die Beobachtung, dass der Mensch „ein Wesen ist, das durch Gemeinschaft definiert“ wird. Es gibt für Arendt keinem Menschen, der kein Teil, kein „Anteil“ einer Gemeinschaft ist.

Sehr wohl gibt es aber politische und soziale Verhältnisse, in denen dieses Teil-sein verneint wird. Und das sehen wir gerade an den europäischen Außengrenzen, wo längst ein System etabliert ist, in dem Menschen systematisch entmenschlicht werden und die Möglichkeit des Zutritts zu den Gesellschaften auf der anderen Seite der Grenze verwehrt wird.

Menschlichkeit muss auf einem Verständnis der Menschheit als Gemeinschaft basieren, die alle Menschen als zu dieser zugehörig versteht. Auf dieser Überlegung beruht Arendts berühmte Formel von einem Recht, Rechte zu haben.
Diese Formel beschreibt, dass Geflüchtete, genauso wie alle anderen Menschen, Rechte haben, weil sie als Mensch Teil der Menschheit sind. Das Recht auf Rechte – also das Recht jedes Menschen, zur Menschheit zu gehören – muss von der Menschheit selbst garantiert werden, schreibt Arendt.

Diese Denkfigur, die die Situation der Ausgeschlossenen mit der Vorstellung der Menschheit verbindet, hat auch noch eine zweite Seite. Denn sie verrät darüber hinaus auch viel über die Mitglieder der europäischen Gesellschaften – von denen vermutlich die meisten hier Anwesenden Staatsbürger*innen sind.

Die Arendtianische Denkfigur zeigt: solange wir als europäische Gesellschaften den Geflüchteten ihre basalen Rechte verwehren, und sie damit nicht als Teil der Menschheit anerkennen, sind auch wir als Mitglieder dieser Gesellschaften keine Menschen: wir sind nur Deutsche, nur Europäer*innen, aber keine Menschen. Menschen sind wir nur dann, wenn wir andere als Teil der Menschheit behandeln.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Notruf „S-O-S“ auch auf diese weitere Bedeutung von Humanity beziehen: ein Notruf, ein Weckruf an die vorherrschenden Vorstellungen der Menschheit, die tief rassistisch, ausschließend und unmenschlich sind.

Es ist kein Unglück, was im Mittelmeer passiert. Es sind die Konsequenzen der von Menschen gemachten und gewollten Politik. Als ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis sind wir angetreten, um dem Ausschluss aus der Menschheit und der Politik des aktiven Sterbenlassens etwas entgegen zu setzen.

Im Koalitionsvertrag der Regierung ist erstmals die Seenotrettung verankert. Die Regierungsparteien haben angekündigt, eine „europäisch getragene und staatlich koordinierte Seenotrettung im Mittelmeer anzustreben“. Bisher sehen wir aber keinerlei Anstrengungen, um die derzeitige Politik zu verändern.

Wir fragen uns, wo die Arbeitsgruppen sind, die in der Regierung an der Umsetzung dieses Zieles arbeiten? Welche Zeitpläne zur Umsetzung gibt es? Welche konkreten Ziele sind definiert? Wir werden nicht aufhören, die Antworten darauf einzufordern. Und wir starten heute eine Petition zur staatlich koordinierten Seenotrettung, mit dem Titel „SOS auf dem Mittelmeer: Seenotrettung europäisch koordinieren“.

Unsere ganz konkrete Minimalforderung ist, dass die zuständigen staatlichen Seenotleitstellen im Mittelmeer nicht länger die Notrufe der Geflüchteten ignorieren dürfen. Sie verstoßen nicht nur gegen internationales Recht, sondern sie riskieren Menschenleben, und das täglich. Und das muss aufhören.“

Unsere ganz konkrete Minimalforderung ist, dass die zuständigen staatlichen Seenotleitstellen im Mittelmeer nicht länger die Notrufe der Geflüchteten ignorieren dürfen. Sie verstoßen nicht nur gegen internationales Recht, sondern sie riskieren Menschenleben, und das täglich. Und das muss aufhören.

Weitere Informationen

Unsere Petition „SOS auf dem Mittelmeer kann hier unterzeichnet werden: Petition unterzeichnen

Die Taufrede Hadnet Tesfais im spanischen Vinaròs kann hier auf Englisch nachgelesen werden.
Weitere Eindrücke von der Tauffeier gibt es hier.

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Photo credits: Bonnie Cheng / SOS Humanity

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